
Andy, du bist nun seit 25 Jahren ununterbrochen im Musikgeschäft. Davon können die meisten Popmusiker nur träumen. Wie fühlt man so als Dinosaurier in diesem doch eher schnelllebigen Business?
Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich meine Karriere zu einer sehr kreativen und fruchtbaren Zeit beginnen konnte. Die Electromusic ist zu meiner Obsession geworden und dieser futuristische Sound scheint zeitlos zu sein. Ich hatte allerdings auch das Glück mit einem Genie wie Vince Clark zusammenarbeiten zu dürfen und über die langen Jahre vor allem auch von der schwulen Szene enorm unterstützt worden zu sein.
Einer deiner neuen Songs heißt „Debbie Harry Drag Queen“. Das scheint mir wenig aus dem Leben gegriffen. Ich hab noch nie eine Debbie Harry Look-a-like-Tunte gesehen...
Das Problem ist, dass sie wie eine rockige Version von Marilyn daherkommt, und da sind die meisten Imitatoren überfordert. Sie können meist nur eines: Rocklady oder Blondine. In New York ist Debbie definitiv die Königin der Underground-Szene und sie lässt sie selbst auf die abgefahrensten Dinge ein. Wenn Bananarama über Robert De Niro singen können, warum ich dann nicht über Debbie?
Was kannst du auf dem Soloalbum verwirklichen, was bei Erasure nie durchgehen würde?
Ich glaube, wir könnten so ziemlich alles machen: einfach schon, weil wir als Band und in einem sehr organischen Prozess an neuen Songs arbeiten. Das hat die gleiche Dynamik wie jede andere Beziehung auch. Vince’ Sound wie auch meine Stimme sind sehr charakteristisch. Er und ich zusammen ergeben Erasure. Solo bin ich dann doch eher der Disko-Punk!
Was treibt Vince während dieser Erasure-Pause?
Vince hat eine Menge Filmmusik geschrieben, aber auch Remixe für andere Leute gemacht. Und er hat Musik für Kinderhörbucher komponiert. Er liebt seine neue Vaterrolle und verbringt viel Zeit mit seinem Sohn.
Dein Song „Touch“ ist eine böse Abrechung mit TV-Reality-Shows. Hat man dich schon zu solchen Formaten eingeladen?
Mir wurden bereits ein paar Mal „Big Brother“ und das britische Dschungelcamp angeboten. Aber ich würde eher vor der Kamera einen Schwanz blasen als Känguru-Hoden zu essen. Ich brauche solche Sendungen nicht, um meinen Bekanntheitsgrad zu vergrößern. Ich mache das lieber über die Musik.
2006 hast du dich als HIV-positiv geoutet und damals für Schlagzeilen gesorgt. Was hat sich für dich seither geändert? Ist HIV zu einer fast normalen Krankheit geworden?
Es ist gefährlich zu glauben, dass HIV eine normale Krankheit sei. Es gibt so viele unterschiedliche Dinge, die dein Immunsystem beeinträchtigen können, mit schlimmsten Folgen. Ich bin immer noch sehr überrascht, dass selbst Journalisten, mit denen ich spreche, auch heute noch Begriffe wie Seuche verwenden oder HIV und AIDS nicht zu unterscheiden wissen. Das zeigt, dass wir es hier noch lange nicht mit einer normalen Krankheit zu tun haben.
Wir in den westlichen Ländern haben das Glück über die Kombinationstherapie zu verfügen - anders als die Millionen infizierten Frauen und Kinder in Afrika. Ich hatte vor dieser Therapie einige HIV-bedingte Erkrankungen und ich kann deshalb nachvollziehen, wie verzweifelt diese Menschen sein müssen und was sie durchmachen. Kein Mensch verdient das. Ich kann deshalb nur allen Jungs da draußen raten: Nehmt diese Erkrankung nicht auf die leichte Schulter.
Andy Bell: „Non-Stop“ (Mute)
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