
Tobias, Christoph, wieso eigentlich Peter Alexander und Mireille Matthieu, und warum nicht beispielsweise Freddy Quinn und Nana Mouskouri?
Tobias Bonn: Das wären auch eine gute Koppelung, aber in unserer imaginären Rangliste der wichtigsten deutschen Schlagerinterpreten der 70er sind Alexander und Mathieu sicherlich noch ein klein wenig weiter oben.
Christoph Marti: Moment! Mireille und Nana, das ist schon ein Kopf an Kopfrennen! Anfänglich hatte ich ja die Idee einen ganzen Abend nur mit Mireille zu machen. Aber im gleichen Moment war mir auch klar: Mireille allein trägt keinen ganzen Abend lang. Eine Show wie ich sie mit und über Ursula West gemacht habe, ist mit Mireille nicht möglich.
Weshalb denn?
Christoph Marti: Anders als Ursula West, meine fiktive Country-Lady, ist es bei Mireille nicht denkbar, dass sie sich auf die Bühne stellt und über sich Auskunft gibt. Sie ist die diskreteste von allen Schlagersängerinnen. Von Hildegard Knef und Romy Schneider beispielsweise wissen wir alles, über Mireille hingegen fast nichts. Was von ihrer Lebensgeschichte bekannt ist, ist die Geschichte einer traurigen Kindheit und Jugend und eines hart erkämpften künstlerischen Erfolges.
Warst du denn als Teenager ein Mireille-Fan?
Christoph Marti: Ich hatte früher nicht unbedingt Sympathien für Mireille, ihre Stimme aber hatte mich immer fasziniert. Die geht durch und durch. Sieh hat etwas von einem Atomkraftwerk: Sie strahlt!
Wer steht bei dieser Show eigentlich auf der Bühne, Toni und Ursli Pfister oder Tobias Bonn und Christoph Marti?
Tobias Bonn: Toni und Ursli tauchen eigentlich gar nicht auf. Vielmehr verhält es sich so, dass die Schauspieler, die sonst Toni und Ursli machen, hier Alexander und Mireille spielen. Das ist vielleicht eine komplizierte Konstruktion, aber auch für alle einleuchtend. Toni und Ursli Pfister sind in diesem Falle unsere Künstlernamen, unsere Marke und Machart.
Christoph Marti: Mathieu und Alexander gibt es natürlich auch als echte Personen, und wir machen aus ihnen Kunstfiguren. Dadurch, dass wir uns im fliegenden Wechsel dann auch noch in Heintje, Roy Black und Anneliese Rothenberger verwandeln, hebt das Ganze zusätzlich ab und wird auch ein wenig wahnhaft. Spätestens wenn dann noch ein zweiter Peter Alexander auftritt, entgleist die Show.
Ihr habt euch sicherlich zur Vorbereitung jede Menge Originalshows aus den 70ern angesehen.
Christoph Marti: Natürlich! Das Wahnsinnige dabei ist für mich das Publikum. Die haben damals ganz offensichtlich gesagt bekommen: Gehen Sie ruhig vorher noch mal zum Friseur! Wenn man in die Zuschauerreihen voll mit Haarspray betonierten Frisuren blickt, weiß man, wem wir das Ozonloch zu verdanken haben.
In wieweit lebt eure Show von der TV-Nostalgie und der Verklärung einer musikalischen Ära?
Tobias Bonn: Es ist natürlich eine Erinnerung und Hommage an diese Zeit, aufgemacht an diesen beiden Figuren, die wir uns exemplarisch herausgegriffen haben. Aber wie bei allen Pfister-Produktion dreht sich im Kern alles ums Showbusiness, nur diesmal eben fokussiert auf den deutschen Schlager der 60er und 70er Jahre.
Christoph Marti: Natürlich ist das auch nostalgisch. Ich finde das Material aus dieser Zeit vor allem aber sehr komisch!
Wie schwer war es, die Grenze zwischen Persiflage und Hommage einzuhalten?
Tobias Bonn: Wir verstehen die Show in erster Linie als Hommage. Alles andere passiert im Grunde von selbst. Wenn man so genau hinschaut, was die damals gemacht haben, es zitiert, komprimiert, wie wir es tun, dann demontiert sich diese Fernsehshowwelt ganz von allein. Diese Demontage geschieht aber eher beim Betrachter im Zuschauerraum und nicht bereits bei uns auf der Bühne. Wir versuchen vielmehr, das alles so genau wie möglich wiederherzustellen. Ob man dann voller Seligkeit in Erinnerungen schwelgt oder es nicht fassen kann, was man unter Umständen damals vielleicht gut fand, ist damit jedem einzelnen selbst überlassen.
Wie seht ihr denn eure Bühnenfiguren selbst: Ist das Travestie, Parodie oder Reinkarnation?
Tobias Bonn: Von allem ein bisschen.
Christoph Marti: Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Sie beschäftigte mich während der ganzen Probenzeit hindurch. (flüstert): Ich habe ein bisschen das Gefühl, wir haben uns die beiden geklaut! Ich frage mich, was Mireille jetzt gerade macht, während ich so tue, als wäre ich sie. Ich will sie natürlich möglichst echt auf die Bühne stellen, aber keine Sorge: Ich bin keinem Wahn verfallen. Ich will nicht Mireille sein, aber doch so nah wie möglich an sie herankommen.
Das ist dir ja wahrlich geglückt, nicht nur dass du ihr Tremolo täuschend echt imitierst und ihre Bewegungen gut studiert zu haben scheinst. Die Perücke war wohl das Einfachste, oder?
Christoph Marti: Da täuschst du dich! Alle glauben, es gäbe diese eine unverwechselbare Mireille-Mathieu-Frisur. In Wahrheit aber hatte die im Laufe ihre Karriere mindestens zehn verschiedene Nuancen. Unser Maskenbilder sagte nach langem Studium der Frisur: die ist nicht einfach nur geschnitten, sondern mathematisch berechnet!
Wie ist dein Mireille-Zweithaar denn dann so punktgenau entstanden?
Christoph Marti: Zum Glück gibt es heute preiswerte Kunsthaarperücken , die man zerschneiden kann. Und unser Maskenbildner hat etliche zerschnitten! Natürlich nicht am Styroporkopf, sondern am lebenden Objekt, die Perücke sollte ja schließlich auf meinem Kopf so aussehen wie bei Mireille. Und so saß ich mehrere Wochenenden jeweils bis zu fünf Stunden, um den Maskenbildner dann irgendwann sagen zu hören: „Mist, die hab ich zerschnitten. Die nächste!“
Zunächst waren wir einem fatalen Denkfehler erlegen. Meine Stirn ist sehr breit und Mireille eine eher zierliche Person. Daher überlegten wir, den Pony nicht wie bei ihr auf Augenbrauenhöhe, sondern etwas darüber zu setzen. Damit hätte ich dann auch ein so schmales Gesicht wie Mireille. Wir hatten alles richtig gedacht und zugeschnitten. Allerdings sah ich damit nicht aus Mireille, sondern wie Gloria von Thurn und Taxis.
Was die Pfister ausmacht ist, die subtile Art des Humors. Man macht sich nicht über Leute lustig, aber es ist lustig.
Tobias Bonn: Deshalb steht auch Toni und Ursli Pfister auf dem Plakat, weil dies die Art ist, mit Humor umzugehen. Wir haben hier zwar einen engeren musikalischen Ausschnitt , aber wir hauen auch hier nicht grob auf die Musik drauf. Das würde nur für einen Drei-Minuten-Sketch funktionieren. Wir gehen vielmehr sehr behutsam und liebevoll mit dem Material um und die Figuren, die wir spielen, schätzen und lieben wir.
Mireilles Frisur ist geradezu ikonenhaft, Peter Alexander ist da schon schwieriger, weil nicht so bemerkenswert.
Tobias Bonn: Mein Haaransatz geht auch im Original in seine Richtung. Ich musste mir also keine Geheimratsecken rasiert. Und oben wird’s auch zunehmend weniger.
Alexander hatte doch aber bis zuletzt volles Haar!
Christoph Marti: Denkst du! Das war von Anfang an ein Toupet!
Tobias Bonn : Er hast sich seit den 70er Jahren zweimal jährlich im Berliner Schiller-Theater von den dortigen Maskenbildnern ein neues Toupet nach Mass anfertigen lassen. Das weiß ich sogar aus erster Hand!
Christoph Marti: Das ist für mich eine dieser Informationen, die für mich eine Figur wie Peter Alexander greifbar werden lassen. Das wird nicht gleich ein Sozialdrama, aber man erkennt für sich als Darsteller: Oh, was für ein Aufwand, zweimal nach Berlin fahren, um sich still und heimlich ein Toupet anfertigen zulassen, und über Jahrzehnte hinweg. Das erzählt viel über das Selbstverständnis dieses Mannes, und was er auf sich genommen hat, um über Jahrzehnte diesem öffentlichen Bild zu entsprechen.
Was zeigt, dass die Pfisters ernsthaft arbeiten und nicht nur Gaudi machen?
Christoph Marti: Wir sind nun mal in erster Linie Schauspieler und unser Anspruch ist, zu spielen, Das singen ist immer nur ein Versuch (lacht). Wir kommen von der Schauspielschule und haben uns dort in Bern auch kennengelernt – übrigens gleich am Tag der Aufnahmeprüfung.
Und Mireille trägt auch im wahren Leben eine Perücke?
Christoph Marti: Definitiv nein, auch heute noch nicht.
„Servus Peter - Oh là là Mireille“: 30.11.-11.12., Fliegende Bauten
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