
„Das Schweigen der Männer – Homosexualität im deutschen Fußball“ ist Anfang August im Verlag Die Werkstatt erschienen. Es beschreibt eindringlich das Spannungsfeld zwischen Tabu und gesellschaftlicher Akzeptanz, wirbt für Offenheit und Toleranz und geißelt den weit verbreiteten Dilettantismus beim Umgang mit dem Thema. Das systematische Schweigen der Männer wird dabei als das entlarvt, was es in Wahrheit ist: scheinheilig und homophob.
So fiel beispielsweise bei der ersten umfassenden Befragung aller 36 Erst- und Zweitligavereine zum Thema die Resonanz ebenso ernüchternd aus wie die Antworten der Sponsoren im Umfeld der deutschen Nationalmannschaft. Einige dagegen reden Klartext, Amateurspieler etwa oder DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger. Und die Autoren:
Wie schwul ist er denn, der Fußball?
Andreas Erb: Nun, der Fußball ist auf den ersten Blick eine schwulen-freie Zone. In einer Sphäre, die als echter Männersport begriffen wird, in der das Testosteron überschwappt und in der wenig Platz ist für Schwächen oder persönliche Neigungen – da gibt es „das Andere“ schlichtweg nicht. Da haben Homosexuelle nichts verloren. Das aber nur auf den ersten Blick. Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sind homosexuell, sagt die Statistik. So gibt es auch in der Männerdomäne Fußball schwule Kicker. Die sich allerdings zumeist selbst den Regeln des Spiels unterwerfen und ihre Sexualität verstecken. Sie sprechen nicht darüber. Sie schweigen. Genauso wie Vereine, Verbände oder die Deutsche Fußballliga zu dem Thema schweigen…
Sie sagen also, dass es sie gibt, die schwulen Fußballer. Selbst im Umfeld der Nationalmannschaft seien mindestens zwei anzutreffen, schreiben Sie…
Erb: Wir haben breit recherchiert, vom Amateurvereinen über Proficlubs bis zur Nationalelf. Tatsächlich ist Homosexualität überall ein Tabu. Und tatsächlich gibt es auf allen Ebenen homosexuelle Spieler, die ihre Neigung bislang noch nicht öffentlich gemacht haben.
Sie nennen keine Namen?
Dirk Leibfried: Nun, im Amateurbereich haben wir mit Fußballern gesprochen, die uns ihre persönlichen Geschichten erzählen, vom Verstecken der Homosexualität bis zum Outing in der Mannschaft. Im Profibereich hatten wir ebenfalls Kontakte zu homosexuellen Spielern, die jedoch nicht öffentlich genannt werden wollen. Bedenkt man alleine die Reaktion von Bundestrainer Joachim Löw auf unsere Interviewanfrage, ist diese Vorsicht nachvollziehbar.
Wieso?
Leibfried: Wenn Löw als Bundestrainer, als Vertreter der nationalen Sportelite, eine Anfrage zu einem gesellschaftlich derart relevanten Thema über Monate konsequent abblockt, dann zeigt diese Reaktion, dass es hier tatsächlich ein Problem gibt – ein Tabu eben.
Theo Zwanziger bezieht in Ihrem Buch jedoch ausführlich Stellung.
Erb: Das ist richtig. Der DFB-Präsident gilt als Vorreiter, wenn es darum geht, einen liberalen, weltoffenen Fußball zu gestalten. Dies bringt er in ausführlichen Statements zum Ausdruck. Dass er dabei im deutschen Fußball nicht immer auf ungeteilte Zustimmung stößt, beweist nicht nur die Löw-Reaktion. Auch die DFL hüllt sich in Schweigen, genauso wie zahlreiche Sponsoren des deutschen Fußballs sowie Proficlubs der Bundesliga, mit denen wir im Laufe unserer Recherchen ebenfalls in Kontakt standen.
Wie gehen denn nun die Bundesligavereine mit dem Thema Homosexualität um?
Erb: Gar nicht. Und genau das ist das Problem, das zu einem homophoben, also schwulen-feindlichen Klima im Fußball führt. Nach wie vor gilt der „schwule Pass“ als „schlechter Pass“, der Schiri wird als „schwule Sau“ beschimpft oder der Gegner entsprechend verhöhnt. Im Gegensatz zu Problemen wie Rassismus und Rechtsextremismus, die in den 1990er Jahren durch klare Initiativen der Clubs oder Aktionen in den Stadien merklich eingedämmt wurden, gibt es beim Thema Homophobie noch Nachholbedarf.
Leibfried: Wir haben alle 36 Profivereine der Ersten und Zweiten Bundesliga zu diesem Thema kontaktiert. Das Ergebnis: Ernüchternd. Nur zwölf Vereine haben überhaupt auf unsere Anfrage geantwortet. Darunter waren acht Absagen. Lediglich vier Clubs haben Stellung bezogen zu der Frage, wie sie die Themen Homophobie und Homosexualität im Fußball einschätzen.
Um welche Clubs handelt es sich denn, was sind die Positiv-Beispiele?
Erb: Stellungnahmen kamen vom Hamburger SV und von Borussia Mönchengladbach. Auch der 1996er Europameister und heutige Vorstandschef Stefan Kuntz vom 1. FC Kaiserslautern hat sehr differenziert Stellung bezogen, ebenso FCK-Kapitän Martin Amedick. Bemerkenswert: der FSV Frankfurt. Als erster Proficlub wahrscheinlich weltweit hat der FSV vor wenigen Monaten eine Initiative gegen Homophobie gestartet – ein Vorstoß, der durchaus modellhaft sein kann für die gesamte Bundesliga.
Nach Ihrer Recherche: Würden Sie einem Profifußballer zum Outing raten?
Erb: Ja, aber. Er braucht einen gefestigten Charakter und eine gewaltige Portion Mut, um das wohl zu erwartende Medienecho nicht nur durchstehen, sondern im besten Fall aktiv mitgestalten zu können. Das Outing sollte im Vorfeld im persönlichen Umfeld, im Verein und in der Mannschaft abgestimmt sein. Mit der Voraussetzung eines sicheren Auftritts lassen sich wohl auch denkbare negative Reaktionen abfedern.
Sie denken an Schmährufe aus den Fanblöcken?
Leibfried: Rufe im Stadion können eine Hürde sein für einen schwulen Spieler bei der Entscheidung für ein Outing. Dazu kommt eben der journalistische Umgang mit dem Thema in den Medien, der in der Vergangenheit nicht immer glücklich war. Außerdem stellt sich die Frage nach der Reaktion der Vereine, also der Arbeitgeber, sowie der Sponsoren. Gerade die Sponsoren des deutschen Fußballs gehen, wie unsere Recherchen zeigen, entgegen ihren eigenen Ansprüchen nicht immer unverkrampft mit dem Thema Homosexualität um. Umso wichtiger ist es, wenn sich ein Sportler dafür entscheidet, sich zu seiner Sexualität öffentlich zu bekennen, dass er dies auf fundierter, durchdachter Basis tut.
Man könnte aber auch argumentieren: Die Gesellschaft ist mittlerweile so liberal, dass die sexuelle Orientierung längst keine Rolle mehr spielt. Warum also dann ein Outing? Und warum überhaupt ein Buch darüber?
Erb: Gerade dieses Negieren ist es, was die Bedeutung des Themas ausmacht. Klar, Sexualität sollte bei der Bewertung eines Fußballers keine Rolle spielen, da sind sich alle einig. Aber: In dessen Rollenbild wird Heterosexualität als selbstverständlich vorausgesetzt. Insofern spielt es natürlich eine Rolle, wenn ein Spieler homosexuell ist. Vor allem dann, wenn er aus Angst vor Schmähungen seine Neigung verbergen muss, wenn er eine Scheinehe führt, um in eine gewisse Rolle zu passen, wenn seine Leistungen unter dem Versteckspiel leiden. Ein solches Klima, das einer Persönlichkeit keinen Raum zur Entfaltung lässt, ist mit einer Gesellschaft, die sich als liberal und weltoffen versteht, nicht vereinbar. Genauso wenig wie es mit den Werten des Fußballs vereinbar ist. Deswegen ein Buch darüber…
Dirk Leibfried/Andreas Erb: Das Schweigen der Männer – Homosexualität im deutschen Fußball. 176 Seiten, 12,90 Euro, Verlag Die Werkstatt
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