
Nicht mehr lange und François Ozon hat sich durch alle Filmgenre durchinszeniert. Nach Farce („Sitcom“), Kostümschinken („Angel“), Musical („ 8 Frauen) und zuletzt Fantasy („Ricky“) ist der französische Regisseur gerade mal wieder zum kleinen Kammerspiel zurückgekehrt.
Die ersten Szenen von „Rückkehr ans Meer“ haben noch große Dramatik: Mousse und Louis, ein Paar aus offensichtlich besseren Verhältnissen, gerät beim Drücken an gepanschtes Heroin. Louis überlebt diesen letzten großen Kick nicht und Mousse bleibt schwanger zurück. Die versnobte Familie des Toten drängt sie noch am Tag der Beisetzung zur Abtreibung, die junge Frau aber zieht sich still und allein in ein Landhaus an der Côte d'Azur. zurück. Dort bekommt sich überraschend Besuch von Louis’ schwulem Bruder Paul (sehr überzeugend: der Musiker Louis-Ronan Choisy in seinem Schauspieldebüt).
Was sich zunächst noch wie der Auftakt zu einem Sozialdrama anlässt, wandelt sich nun unter dem warmen Licht des Südens in eine ungewöhnliche, zärtliche wie melancholische Geschichte über Liebende. Paul etwa beginnt, kaum bei Mousse angekommen, eher beiläufig eine Affäre mit dem Nachbarn Serge (Pierre Louis-Calixte). Er vermag aber allmählich auch Mousse für sich zu gewinnen und ihre anfängliche Zurückhaltung und Skepsis zu beseitigen. Sie gänzlich zu verstehen wird ihm jedoch bis zuletzt nicht gelingen.
Auch den Zuschauer hält Mousse (gespielt von der tatsächlich schwangeren Schauspielerin Isabelle Carré) auf Distanz zu ihrer Figur. Seltsam entrückt wirkt sie in vielen Momenten; sinnlich zwar, aber auch kühl und reserviert. Ihre neue Rolle als werdende Mutter hat Mousse noch nicht für sich annehmen können. Was in ihr tatsächlich vorgeht, bleibt ein Rätsel und erschließt sich allenfalls aus ihren Reaktionen bei überraschenden Situationen, mit denen Ozon sie wie die Zuschauer konfrontiert: Da sind die wildfremden Menschen, die ihrem Drang, den üppiger werdenden Leib von Mouse berühren zu wollen, schamlos nachgeben. Oder dieser verheiratete Mann, der ihr nur wegen des Schwangerschaftsbauches unverblümt sexuelle Avancen macht.
Ozon inszeniert dies alles souverän, verzichtet aber ganz und gar auf theatralische Momente. Die Sommerhitze scheint keine Kraft zu lassen für allzu große Emotionen. Erst mit den Schlussszenen, die hier nicht verraten sein sollen, setzt er noch einmal ganz neue Akzente und macht Paul überraschend zum Vater. Doch anders als das Kind in Ozons letztem Film „Ricky“ kann dieses Baby ausnahmsweise mal nicht fliegen.
„Rückkehr ans Meer“ (Le refuge), F 2009. Regie: François Ozon, mit Isabelle Carré, Louis-Ronen Choisy, Pierre Louis-Calixte, Melvil Poupaud, Claire Vernet, 88 min.
Kinostart: 9. September, www.rueckkehr-ans-meer.de
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