
Die wahre Tunte braucht nicht viel, um sich selbst zur Queen zu krönen. Ein bisschen Strass vielleicht, vor allem aber Phantasie, um sich aus Alltagsramsch den Anschein mondänen Glamours zu zaubern.
So wie etwa der korpulente Pfandleiher Hubert in einer heruntergekommenen oberschlesischen Bergarbeiterstadt. Ihm gelingt es, trotz seines buschigen Schnauzbartes und der nicht unbedingt standesgemäßen Vorliebe für allzu starke Parfüms und grellbunte Hawaii-Hemden, sich als Wiedergeburt der polnischen Königin Barbara Radziwill zu imaginieren.
Mit Hubert alias Queen Barbara schreibt der 1975 geborene Michal Witkowski die in seinem Debütroman „Lubiewo“ (2007) begonnene Chronologie der polnischen schwulen Subkultur fort. Seine Protagonist/innen sind proletarische Tunten, die außer ihrem losen Mundwerk vor allem überlebensnotwendige Bauernschläue mitbringen. So gelingt es Hubert, sich Mitte der 90er Jahre, als Polen sich im Umbruch vom Sozialismus zum Kapitalismus befindet, dreist und geschäftstüchtig auf die Gewinnerseite zu schlagen. Westlicher Luxus will hart verdient sein, und da kennt Hubert keine Skrupel.
Zur Not pilgert man für ein paar Ave Maria zum nationalen Marienheiligtum nach Liche. Böse, grell und grotesk überspitzt Witkowski die Bigotterie katholischer Frömmelei und neokapitalistischer Raffgier und macht sich dabei schamlos über die Grundfeste der polnischen Geschichte lustig.
Michal Witkowski: „Queen Barbara“. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Suhrkamp Verlag, Broschur, 252 Seiten, 18 Euro
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