
David, Sie schreiben teilweise hochsatirische Dinge über ihre Familie. Was sagt die dazu?
Texte, die von der Familie handeln, gebe ich den Betroffenen grundsätzlich vorher zu lesen. Meinem Vater zum Beispiel gefallen meine Texte. Und tatsächlich bin ich gerade ihm für vieles dankbar. Er hat mich in meiner Jugend oft eine Null genannt – das war mein wichtigster Antrieb. Ich bin morgens aufgestanden und habe gedacht: Dem werde ich es zeigen! Und so ist das aus mir geworden, was ich bin: ein humoristischer Autor. Jammerliteratur will doch keiner lesen.
Ihr neuestes Buch „Das Leben ist kein Streichelzoo“ besteht aus satirisch gefärbten Tierfabeln. Ist das der Abschied von den Geschichten über das Leben Ihrer Mitmenschen?
Ganz und gar nicht! Diese Tiergeschichten sind im Lauf von acht Jahren entstanden, ich habe gleichzeitig auch andere Dinge geschrieben und tue das noch immer.
Was bedeutet Ihre Homosexualität für Ihre Arbeit als Künstler?
In meinen Büchern schreibe ich über meine Beziehung zu meinem Partner Hugh, meinen Beruf, meine Eltern, mein Leben. Ich verstecke also nichts. Allerdings schreibe ich nicht über Sexualität – nicht aus Rücksicht, sondern weil das nicht mein Thema ist. Es soll einen Unterschied geben zwischen der Figur in meinen Büchern und mir selbst: Niemand weiß zum Beispiel, was ich im Bett mache. Vor 20 Jahren wären meine Bücher wahrscheinlich trotzdem nur in schwulen Buchläden verkauft worden. Heute ist das anders.
Wie erklären Sie sich, dass Sie so ein großes Publikum außerhalb der queeren Szene haben und in Mainstream-Verlagen veröffentlichen?
Am Anfang habe ich nur in schwul-lesbischen Zusammenhängen gelesen. Auf einer solchen Veranstaltung in Chicago war ein Radiojournalist anwesend, der mich später fragte, ob ich nicht im Rundfunk auftreten wollte. Ich sagte zu, und so vergrößerte sich mein Publikum plötzlich sehr. Eigentlich wollte ich schon immer ein größeres Publikum haben, und tatsächlich fülle ich inzwischen große Säle – wobei da immer um die zehn Prozent Schwule und Lesben dabei sind. Dass so viele Menschen kommen, hat für mich damit zu tun, dass ich über das Leben, aber nicht direkt über Sex schreibe. Einem gemischten Publikum macht es nichts aus, etwas aus dem Leben homosexueller Menschen zu hören, aber sobald es direkt um deren Sex geht, fühlen sich Heterosexuelle nicht mehr angesprochen.
… wobei ja umgekehrt ein homosexueller Mensch im Literaturbetrieb um heterosexuelle Sexszenen kaum herumkommt ...
(lacht) ... ja, dieses Ungleichgewicht gibt es! Ich habe mal eine Lesung eines schwulen Schriftstellers in Princeton besucht. Ein Kapitel handelte davon, wie ein 60jähriger Professor seinem 22jährigen Master einen Blow-Job besorgte. Daraufhin empörte sich jemand lautstark im Publikum. Auch wenn ich so etwas nie beschreiben würde: Ich finde es ungerecht, dass Autoren wegen solcher Passagen angegriffen oder nicht in großen Verlagen gedruckt werden. Gerade wenn man an heterosexuelle Autoren wie Henry Miller denkt, die Sex ausführlich darstellen und dennoch (oder gerade deshalb?) Weltruhm genießen.
David Sedaris: „Das Leben ist kein Streichelzoo“. Deutsch von Georg Deggerich. Karl Blessing Verlag, geb., 176 S., 14,95 Euro.
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