
Nach Lenas Überraschungssieg steht der diesjährige Eurovision Song Contest auf heimischem Boden ganz im Zeichen der Finanzkrise. So vergab der NDR aus pekuniären Gründen den Wettbewerb nicht, wie sich das für ein internationales Ereignis dieser Größe gehört, in die Hauptstadt, sondern in eine Provinzmetropole, die vor allem für botoxierte MCM-Täschchenträgerinnen und muffiges Bier bekannt ist – weil man in das dortige, von der Stadt für ein Butterbrot zur Verfügung gestellte Fußballstadion viel mehr zahlende Live-Zuschauer quetschen kann.
Dann funktionierte man die deutsche Vorentscheidung in die längste Dauerwerbesendung der Geschichte um, in welcher unser Fräuleinwunder an drei Abenden zur Hauptsendezeit ihr neues Album vorstellen durfte. Elf schnarchige Füllstücke und eine Hitsingle, die dann auch – zu niemandes Erstaunen – haushoch gewann. Die musikalischen Beiträge der 42 Konkurrenznationen lassen indes größtenteils den verzweifelten Wunsch erkennen, bloß nicht zu gewinnen, um nicht im nächsten Jahr die kostspielige Show ausrichten zu müssen.
So zum Beispiel das frisch unter den EU-Rettungsschirm geschlüpfte Portugal, das die schwingende Gauklertruppe „Homens da Luta“ in bunten Kostümen schickt: Bäuerin, Soldat, Literat, Stahlarbeiter, Studentin und Revolutionsführer, als sozialistische Variante der Village People, mit einem Protestsong gegen die massenhafte Jugendarbeitslosigkeit. Inhaltlich sympathisch, musikalisch grausam.
Das nach 13 Jahren Abwesenheit wieder startende Heimatland des Eurovision-Vorbildes „San-Remo-Festival“ Italien ist fest für das Finale gesetzt, lässt sich aber vorsichtshalber vom mopsigen Nachwuchs-Barjazz-Sänger Raphael Gualazzi vertreten, um zu verhindern, dass es vor lauter Euphorie über die lang ersehnte Rückkehr am Ende noch heißt: Rom 2012. Ganz sicher nicht!
Erfolgversprechender erscheinen da die auffällig zahlreichen Lautmalereien. Der Grand Prix ist ja berühmt für Siegertitel wie „Diggy-loo, diggy-ley“, „La la la“ oder „Ding a Dong“, und von solchen lyrischen Höchstleistungen gibt es diesmal etliche. Das beginnt mit der gebürtigen Kenianerin Stella Mwangi, die zu fröhlichen afrikanischen Trommelklängen auf Suaheli „Haba haba“ („Stück um Stück“) singt – selbstverständlich für Norwegen!
Das finnische Kinderschokolade-Bübchen Paradise Oskar (doch, der nennt sich wirklich so) schlägt mit „Da da dam“ nachdenkliche Töne an: In seiner zur Wanderklampfe vorgetragenen Ballade will ein Neunjähriger die gute alte Erde retten. Wie rührend! Den Vogel schießt aber Dana International ab: Die israelische Vorkämpfertranse, neben Lena die zweite ehemalige Eurovisionssiegerin im Rennen, beschließt ihren fluffigen Dancetitel „Ding Dong“ (das Geräusch der Glocken, die sie in ihrem Kopf hört) mit der unsterblichen Textzeile „And I’m coming now“. Wir auch.
Als einer der Top-Favoriten gilt erstaunlicherweise ein junger, stimmgewaltiger, französischer Tenor namens Amaury Vassily, der zu Ravels Bolero auf korsisch irgendwas Grausames knödelt. Liegt es an seinem prinzenhaften Aussehen? Ebenfalls vorne sehen die Wettbüros die estnische Getter Jaani mit dem possierlichen Elektropopstück „Rockefeller Street“, den putzigen Schweden Eric Saade (sprich: Sa-aa-de) mit einem Discoschlager aus dem Eurovisionslehrbuch („Popular“ lebt vor allem von den tänzerischen Fähigkeiten Erics und einer spektakulären Show mit zertrümmerten Glasscheiben) sowie die britische Boyband Blue.
Die vier äußerst ansehnlichen Herren, die sich unlängst für das Londoner Gay-Magazin „Attitude“ auszogen, machten allerdings auch damit Schlagzeilen, dass Antony Costa im Alkoholrausch beim Geldabheben am Automaten nebenbei noch ein anderes Geschäft erledigte und an die Hauswand pisste. Mit „I can“ wollen sie an ihre Erfolge aus den Neunzigern anknüpfen, wo sie vor allem mit Coverversionen wie „Sorry seems to be the hardest Word“ Millionen verkauften. Auch in Deutschland: unsere Lena zählt zu ihren größten Fans und kann laut Eigenaussage alle ihre Lieder mitsingen!
A propos Lena: sie liegt mit ihrer düster-frickeligen Elektro-Nummer „Taken by a Stranger“ in den Wettbüros an fünfter Stelle. Wobei: so offen und ohne klaren Favoriten, wie sich das Teilnehmerfeld in diesem Jahr präsentiert, ist selbst ein erneuter deutscher Sieg – wenn auch sehr unwahrscheinlich – nicht völlig ausgeschlossen. Hoffen wir, dass es dann 2012 nicht Wanne-Eickel wird…
Eurovision Song Contest 2011: Semifinale 1 am Dienstag, 10. Mai, 21 Uhr live auf ProSieben. Semifinale 2 am Donnerstag, 12. Mai, 21 Uhr live im Ersten.
Finale am Samatsga, 14. Mai, 21 Uhr live im Ersten. Weitere Infos, alle 43 Teilnehmer und Videos auf www.eurovision.tv und www.eurovision.de
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