
Ihre Dokumentation, die im Rahmen der Lesbisch Schwulen Filmtage gezeigt wird, ist ein erschütterndes Dokument über die Lage der Homosexuellen und den Männlichkeitswahn in der Türkei. Hinnerk hat sich mit der Filmemacherin Ulrike Böhnisch unterhalten:
Ulrike, wie sind Sie auf das Thema gestoßen?
Ich habe für ein Jahr als Austauschstudentin in Istanbul gelebt und habe von Freunden eines Abends erfahren, dass die Jungs bei der Ausmusterung, wenn sie sich als „schwul“ ausmustern wollen, Pornofotos vorzeigen müssen. Wie jeder andere auch, wollte ich das anfangs nicht glauben. Da kam mir die Idee, einen Film darüber zu drehen.
Gleich zu Beginn meinten viele Menschen um mich herum, dass das nicht möglich sei, schließlich dürfe man nicht über diese Themen reden. Vor allem für mich als ausländische Frau wäre es unmöglich, Männer zu finden, die dazu vor der Kamera Stellung nehmen. Das große Schweigen um diese Problematik hat daher in erster Linie meinen Ehrgeiz geweckt.Ich wollte zumindest verstehen, woher die große Angst vor diesem Thema rührt.
Dienen die pornografischen Beweisfotos beziehungsweise die Analuntersuchungen, denen sich schwule Militärdienstverweigerer unterziehen müssen, vor allem der Abschreckung?
In wieweit die Militärkommission wirklich an die wissenschaftliche Beweiskraft der Diagnosemethoden glaubt, ist schwer einzuschätzen. Dass Erniedrigung und Bloßstellung von Homosexuellen jedoch einen großen Teil des Ausmusterungsverfahrens darstellen, kann nicht geleugnet werden. Doch nicht alle Militärkrankenhäuser sind gleich, so dass zumindest in der Istanbuler Schwulenszene bekannt ist, wo man sich verhältnismäßig einfach ausmustern lassen kann. In einem Gespräch hieß es übrigens einmal, das türkische Militär besäße das größte „Schwulen-Porno-Archiv“ der Türkei.
Drei der vier Interviewpartner wollen aus Angst vor Repressalien durch Polizei, Militär, Familie und Gesellschaft nicht erkannt werden. Wie schwierig war es überhaupt Protagonisten zu finden?
Die Recherche zum Film hat sehr lange gedauert und es war keinesfalls einfach, eventuelle Interviewpartner davon zu überzeugen, am Film mitzuwirken. In erster Linie versuchte ich alle davon zu überzeugen, dass mein Ziel keine sensationslüsterne Fernsehreportage war, sondern eine gefühlvolle Momentaufnahme der Ängste und Gefahren, denen schwule Männer im Hinblick auf das Militär und den Alltag ausgesetzt sind.
Meiner Meinung nach ist es ein notwendiger erster Schritt, dieses Thema auch und vor allem in den ausländischen Medien zu diskutieren, um so eventuell auch politische Veränderungen anzustoßen. Schließlich kommt zur Angst der Beteiligten jedoch noch die Militärproblematik hinzu - Kritik am Militär ist gesetzlich verboten: Daher sicherten wir allen Beteiligten zu, sie ausreichend zu anonymisieren und haben vor dem Dreh genauestens festgelegt, wie wir sie filmen dürfen.
„Çürük – The Pink Report“: Donnerstag, 20. Oktober, 20.15 Uhr, Passage 2. Regisseurin Ulrike Böhnisch ist anwesend.
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