
„Da kann man schon ins Grübeln kommen“ sagt Ulrike Folkerts am Set, wo sie gerade ihren 50. Tatort abdreht. „Jetzt mache ich das schon seit 20 Jahren...“
Eine junge Frau liegt tot am Hafen, vergewaltigt und erstickt. Kollege Kopper (Andreas Hoppe) erinnert sich an einen ähnlichen Fall in Mannheim. Aufgrund dieses Hinweises findet Lena Odenthal weitere ungeklärte Mord in Mannheim und Ludwigshafen. Sind die Kommissare einem Serienmörder auf der Spur, der es auf selbstbewusste, sportliche Frauen abgesehen hat?
Selbstbewusst, sportlich – das trifft auch auf die Kommissarin zu. Ihren ersten Tatort drehte Ulrike Folkerts 1989, damals noch mit zeittypisch lesbischem Kurzhaarschnitt – aber noch nicht offiziell out. Beim Blick zurück auf die erste Folge muss sie schmunzeln: „Man redet ganz anders, man sieht ganz anders aus, man hat das falsche Kostüm an... Das war alles neu für mich und sehr fremd und sehr aufregend.“ Ja, die Klamotten: „Rollkragenpullover und karierte Hemden würde man heute echt nicht mehr anziehen!“
Schon lange bevor bekannt wurde, dass Ulrike Folkerts Frauen liebt, sah Lena Odenthal danach aus – in der Rückschau wirkt das Lesbenklischee, das sich an schnöden Äußerlichkeiten festmacht, eher lustig.
Lena Odenthal war von Beginn an eine starke, kämpferische Frau. Privat zeigt die Kommissarin auch andere Seiten. „Sie ist ja schon eine recht einsame Figur. Sie hat eine Katze und einen reizenden Mitbewohner, der gut kocht. Sonst gibt’s nur den Job“, sagt Folkerts. Viel mehr erfährt der Zuschauer von der Polizistin nicht.
„Wovon träumst Du? Von einem gut frisierten Blonden, der weiß, wie man nen Schlips bindet?“ wird sie von Kopper einmal gefragt. „Daran soll’s nicht scheitern“, lautet die Antwort. Doch wirklich träumen mag die Kommissarin nicht.
Selten durfte sich Lena auch einmal verlieben – in aller Regel in einen Mann. Einmal gab es sogar eine Bettszene mit Dominic Raacke, der sich nach der gemeinsamen Nacht als Täter entpuppte – ein Klassiker.
Ulrike Folkerts mochte sich auch nach ihrem Outing keine lesbische Identität ins Drehbuch schreiben lassen. Einmal zumindest gab es entsprechende Gefühlsverwirrungen – die Kommissarin durfte eine Frau küssen! Die (schwulen) Zwillingsbrüder Dominic und Benjamin Reding („Oi!Warning“) siedelten den Krimi „Fette Krieger“ in der HipHop-Szene an. „Ich fand’s klasse, das zu wagen“, sagt Folkerts über diesen etwas experimentelleren Tatort. „Der wurde leider nicht so oft gezeigt...“
Überhaupt, die Experimente: „Tod im All“ (1997) dürfte der ungewöhnlichste Tatort gewesen sein, der je gedreht wurde – es ging um Außerirdische, der Film wurde mit Nina Hagen und Dietmar Schönherr besetzt, Special Effects kamen zum Einsatz. „Es gab richtige Streits: Ist das noch ein Tatort?“, erinnert sich Folkerts. „Ich finde, wir haben da etwas Tolles gewagt und den Spagat zwischen Krimi und Fiktion komplett ausgenutzt. Ich fand’s super!“
Vor heiklen Themen schreckte die zuständige Redaktion selten zurück, auch wenn Folkerts für den Film „Schatten der Angst“ lange kämpfen musste. Diese Tatort-Folge thematisierte eine muslimischen Zwangsheirat – und die Ausstrahlung musste verschoben werden. In einem von Türken bewohnten Haus in Ludwigshafen war es zu einer Brandkatastrophe gekommen. Die Realität schien dem Sender zu heikel.
Sterbehilfe, Organhandel, Aids: Lena Odenthal ließ kaum etwas aus. „Das mag ich am Tatort so gerne, dass man gesellschaftlich oder politisch relevante Themen beleuchten kann“, sagt Folkerts. „Ich habe mir immer einen Tatort zum Thema Aids gewünscht. Da hieß es immer, ‚Aids ist ein Spielfilm und kein Tatort’. Aber wir haben das hingekriegt.“
Zumindest ein kleines lesbisches Zugeständnis gibt es bis heute in den Filmen, wenn man noch einmal das Klischee bemühen will: Lenas Katze. „Meistens kriege ich eine erste Fassung von meinen Büchern – und die Katze fehlt“, erzählt die Schauspielerin. „Den Autoren fällt scheinbar nichts mehr ein und die Redaktion muss sich dann etwas einfallen lassen, wie man die Katze einbaut.“ Auch im 50. Odenthal-Tatort wird das Tier wieder mitspielen – und einen Unfall erleiden.
Doch es gibt – neben einigen Regisseuren, mit denen Folkerts lieber nicht mehr zusammenarbeiten möchte – auch etwas, das sie am Job der Kommissarin nicht so mag: „Lena muss halt ab und zu mal schießen. Ich steh’ da nicht so drauf“, so Folkerts. „Ich finde es erstaunlich, wie gerne Männer am Set schießen...“
Zum Jubiläum ist sie mit sich und ihrer Figur aber im Reinen, will die Lena noch so lange wie möglich spielen: „Die Figur ist vielschichtiger geworden. Die kann sich immer noch kloppen, die kann sich immer noch streiten, die kann immer noch kämpfen. Aber sie darf auch mehr Emotion zeigen, empathischer sein, Mitgefühl zeigen, etwas zulassen, das sie persönlich sehr angeht“, sagt Folkerts. „Das finde ich sehr gut.“
Tatort „Hauch des Todes“: Sonntag, 22. September, 20.15 Uhr, Das Erste
Das vollständige Video-Interview mit Ulrike Folkerts gibt’s hier
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