
Ein Foto, eine Armbanduhr und eine Adresse. Mehr ist es nicht, was der siebzehnjährige Protagonist und Erzähler von seinem verstorbenen Vater hat. Die Mutter redet nur wenig über den Toten, der Stiefvater schon gar nicht. Kurzerhand macht sich der Erzähler auf eine Reise nach Paris. Dort trifft er André, den Jugendfreund seines Vaters...
Auch wenn es das Cover anders vermuten lässt: Alain Claude Sulzers neuer Roman ist keine leichte Sommer-Lektüre, sondern ein melancholisches Buch über das Leben und die Liebe. Dass sich der Schweizer nicht in Kitsch und Nostalgie verliert, verhindert sein unprätentiös-nüchterner Schreibstil. „Zur falschen Zeit“ erzählt von einer Flucht, von ungenutzten Chancen und falschem Pflichtgefühl. Wie ein Puzzle fügt Sulzer das Bild des unbekannten Vaters nach und nach zusammen und offenbart eine Geschichte voller Tragik und Leidenschaft. Mit jedem Schritt kommt der Erzähler nicht nur dem toten Vater, sondern auch sich selbst näher.
„Zur falschen Zeit“ ist einerseits eine Coming-of-Age-Geschichte, andererseits ein Sittenbild der prüden Schweizer Gesellschaft der Nachkriegsjahre. Alle Akteure sind Gefangene ihrer selbst und der Zeit, in der sie leben. Der Autor wechselt immer wieder geschickt zwischen verschiedenen Erzählperspektiven und Zeitebenen. Seine Sprache bleibt dabei undramatisch und diskret.
Sulzer ist ein tragisches Buch über Liebe, Hass und Selbstbetrug gelungen. Große Themen, die er anschaulich, ohne Pathos und Übertreibung, zu beschreiben weiß. Sicher kein „Feel-Good“-Roman, aber dennoch eine überaus lohnende Lektüre für milde Spätsommerabende.
Alain Claude Sulzer: „Zur falschen Zeit“. Galiani Verlag, gebunden, 240 Seiten, 18,95 Euro
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