

Samstag, 29. Mai: Warum in den Top 5 keine richtigen Länder zu finden sind
Der Sieneke-Hype in Oslo findet kein Ende. Zwar ist die sympathische am Zu-alt-aussehen-Syndrom leidende Holländerin am Donnerstag ausgeschieden – ihr Lied aber lebt weiter! Am Freitag Abend wurde sowohl im vollgepackten Euroclub als auch im Homo-Café Elsker zu „Ik ben verliefd – Sha-la-lie Sha-la-la“ der Ententanz aufgeführt. Da geht noch was!
Den musikalischen Trash-Faktor wird heute Abend ja nur England erfüllen – mit dem zweitaltbackensten Lied nach Sieneke. Leider wird der sehr angenehme Josh damit nur den letzten Platz erreichen. Aber Spaß kann man mit dieser verspäteten 80er Jahre Nummer auch haben. Dass Josh umgänglich ist bewies er auch gestern wieder bei mehreren Einspielern von „TV total – Oslo spezial“. Dabei ging es hinter den Kulissen hoch her: Die Aufnahmen finden in der elften Etage des Hauses der Arbeiterbewegung statt. Einer der beiden Fahrstühle dort wird gerade modernisiert. Der andere setzte gestern zeitweise aus – als sich sechs Personen in ihm befanden. Während im Aufzug klaustrophobische Ängste und Luftnot zunahmen, betrat Wencke Myhre das Haus, hörte von dem Problem und Schritt sofort zur Tat: Zur Aufmunterung der eingeschlossenen sang sie den Refrain eines Zuversicht vermittelnden Hits. Kleine Gesten können manchmal so große Wirkung haben!
Große Wirkung hat beim Grand Prix auch immer wieder die Politik. Die Schweizer Delegation vermutet, dass sie mit ihrem Beitrag „Il pleut de l’or“ Opfer der Minarett-Volksabstimmung wurde. Deswegen – so wird vermutet – hatten die muslimisch geprägten Länder Türkei und Aserbaidschan das Lied boykottiert. Auszuschließen ist bei diesem Wettbewerb auf politischer Ebene nichts!
Manche wollen das aber auch positiv nutzen: So zum Beispiel die Ukrainerin Alyosha aus der Nähe von Tschernobyl. Sie versucht hier in Olso verzweifelt, eine Umweltdebatte anzustoßen. Das schlägt sich auch auf ihrem Promo-Material nieder, auf dem alle wichtigen politischen Führer außer Achmadineschad und Kim Jong Il abgebildet sind, aber die dürfen beim Grand Prix ja auch nicht mitspielen. Allein schon wegen der Darstellung der tief dekolletierten Kanzlerin Merkel müsste Deutschland die Ukraine mit 0 Punkten abstrafen!
Wenn es heute Abend wieder politisch und diaspora-geprägt bei der Abstimmung zugeht – und davon ist trotz 50 Prozent Juryvotings auszugehen – könnte die Top 5 so aussehen: Aserbaidschan, Belgien, Griechenland, Serbien, Türkei. Möglicherweise schmuggelt sich auch noch Russland dazwischen. Auch eine andere These wird hier vor Ort diskutiert: die B-Hauptstadtvariante. Demnach stehen die Chancen gut, dass es uns im nächsten Jahr nach Baku, Belgrad, Berlin, Brüssel oder gar Bukarest verschlägt. Bern ist ja schon raus und Budapest war gar nicht erst dabei. So oder so – um 0:15 Uhr wissen wir mehr. Gute Unterhaltung!
Zitat des Tages: „Wenn ich mal ein Eurovision-Research-Seminar leiten dürfte, dann wäre das ‚Carola und Koitus – die sublimale Sexualität beim Grand Prix’“ – gehört nach dem Schließen des Euroclubs um 3:30 Uhr
Ein Interview mit dem deutschen Jurypräsidenten Hape Kerkeling gibt's hier
Freitag, 28. Mai: Noch einmal schlafen - aber mit wem eigentlich?
Gestern um 23 Uhr stand es wieder einmal fest: Blockvoting gehört zum Grand Prix wie der Käseigel. Während die fünf ehemaligen Sowjet-Republiken füreinander ein ausreichendes Punktepolster bildeten, das alle – bis auf das ohnehin abtrünnige Litauen – ins Finale brachte, hat es für die zwei ex-jugoslawischen Länder nicht gereicht. Damit kam das Aus des großen Favoriten Kroatien. Fassungslosigkeit allenthalben auch über das Ausscheiden von Schweden, das die zweite Heimat jeder Grand-Prix-Husche ist, die diesen Wettbewerb einigermaßen ernsthaft verfolgt. Wenig überraschend, dennoch traurig: Party-Trash-Favoritin Sieneke aus Holland ist ebenfalls raus. Ihr Song „Sha-la-lie Sha-la-la“ hätte das Potenzial zu einem Karnelvals-Aprés-Ski-Wiesn-Daniels-CSD-Hamburger-Dom-Volksfest-Hit in Deutschland! Wenn er es denn ins Finale geschafft hätte.
Überhaupt Deutschland. Aus der Delegation kamen aufgrund des Ergebnisses des zweiten Finales verhaltene Töne bezüglich der Chancen unserer Lena. Die öffentlich geäußerte Hoffnung auf eine Platzierung unter den ersten zehn am Samstag ist nicht nur zurückhaltende Bescheidenheit, sondern tatsächliche Sorge. Dazu kommt, dass Lena langsam anfängt, Nerven zu zeigen. Auf dem gestrigen Botschaftsempfang, der nicht in der Botschaft, sondern – wir sind im Fjord-Land Norwegen – auf einem Kreuzfahrtschiff stattfand, wurde ihr offenbar bewusst, worauf sie sich hier eingelassen hat und reagierte auf einmal überraschend unsicher. Hoffen wir, dass sie am Sonnabend während ihrer drei Minuten mit Charme und Stimme überzeugt.
Optimistisch zeigte man sich jedoch aufgrund des ausgelosten Umfeldes beim Finale. Vor Lena wird mit dem Titel „Apricot Stone“ die vermeintliche 2-Meter-Transe Eva Rivas aus Armenien starten, die früher einmal Model war. Diese erhält übrigens von einem Hamburger Grand-Prix-Journalisten mit armenischen Wurzeln erheblichen materiellen Zuspruch: Nachdem er ihr am Sonntag beim Empfang im Rathaus bereits selbst gemachte Aprikosenmarmelade überreichte hatte, gab es gestern bei der Pressekonferenz nach der Show ein selbst gemachtes T-Shirt, auf dem die Pelzfrucht abgebildet ist. Eva streifte das Leibchen natürlich sofort über und siehe da: Es passte! Tunten und Bekleidung sind halt eine verlässliche Kombination.
Auch sonst ist Hamburg mittlerweile gut in Oslo vertreten: Seit gestern ist die Fraktion der unter 30-Jährigen Hamburger Queer-GAL-Mitglieder gefühlt vollzählig vor Ort und zeichnet sich durch (noch) tadelloses Verhalten aus. Auch Hein & Fiete hat es in die norwegische Hauptstadt geschafft: Sally McFadden von der Love Patrol ist incognito angereist. Ihr Koffer blieb auf dem Weg nach Oslo zunächst in Amsterdam hängen, so dass schon Spekulationen über dessen Inhalt ins Kraut schossen. Mittlerweile ist das Gepäckstück allerdings in Norwegen eingetroffen – angeblich vollzählig und leider ohne Sally-Devotionalien.
Heute Nachmittag startet der erste Probendurchlauf des großen Finales. Ein paar Gedanken zu möglichen Titelanwärtern und der tatsächlichen Platzierung von Lena gibt es dann morgen an dieser Stelle.
Zitat des Tages: „Ethnic Cleansing 0 Points“ – gelesen auf einem Plakat bei einer Palästinenser-Demonstration nahe der Telenor-Arena kurz vor dem zweiten Semifinale (mit israelischer Beteiligung)
Donnerstag, 27. Mai: Von Hasspredigern in heißen Höschen
Gibt’s Neues von unserer Lena? Naja, nicht wirklich. Wie man in Deutschland sehen konnte, war sie gestern bei TV total zu sehen. Unter den Studiogästen waren auch acht arme Grand-Prix-Mitstreiter, die von der Aufnahmeleitung auf der Terrasse platziert wurden! Als es im Laufe der Sendung anfing zu nieseln, mussten diese nachdrücklich darum bitten, endlich ins Warme und Trockene gelassen zu werden. So saßen sie dann beim Auftritt Johnny Logans auf dem Fußboden und starrten in unglücklichen Kameraeinstellungen auf dessen Gemächt.
Für das zweite Semifinale heute Abend bleibt zu hoffen, dass alle Kameraeinstellungen und natürlich auch der Gesang sitzen. Beim ersten Dress Rehearsal am gestrigen Mittwoch war das nämlich noch nicht der Fall. Ganz schlimm versang sich das israelische Eye-Candy Harel Ska’at. Ausgerechnet beim höchsten Ton seiner Bombastballade versagte die Stimme! Dass gerade diese Stelle im Schnelldurchlauf immer wieder gezeigt wurde, war von der Regie nicht wirklich nett und ließ die Zuschauer jedes Mal aufs Neue zusammenzucken.
Harel teilt übrigens das gleiche Schicksal wie Hape Kerkeling und Biolek – und damit ist ganz sicher nicht das Aussehen gemeint, sondern dass alle drei fremdgeoutet wurden. Allerdings hatte Harel Glück. Bei ihm plauderte nicht Rosa von Praunheim, sondern niemand geringerer als die transsexuelle Grand-Prix-Siegerin Dana International. Doch interessierte Homos haben sich zu früh gefreut: Der junge Mann befindet sich in festen Händen.
Was erwartet uns neben Harel noch heute Abend? Als Opener treten die Litauer von InCulto an. Diese äußern sich in ihrem Text zwar despektierlich gegenüber Westeuropäern, dafür reißen sie sich nach 2:30 min die langen Hosen vom Körper und tanzen anschließend in silbernen Paillettenhöschen weiter. Da sieht beziehungsweise hört man doch mal über den Text hinweg.
Unbedingt zu benennen ist in dem Starterfeld natürlich auch die haushoch gehandelte Aserbaidschanerin Safura. Ihr Auftritt ist überperfekt geplant, kommt aber reichlich blutlos daher. Ob sie unserer Lena am Samstag gefährlich werden kann, entscheidet sich heute Abend. Da Deutschland heute nicht mitvoten darf, hat die ARD die Übertragung der Sendung ins Top-Nischenprogramm Einsfestival verschoben. Anschauen lohnt sich aber in jedem Fall.
Nach der Show folgt dann eine weitere Ausgabe der beliebten Reihe „Absurde Pressekonferenzen“. Wieder werden Fahnen schwenkende und singende „Journalisten“ die zehn Qualifikanten erwarten und investigative Fragen stellen wie: „Congratulations on your great performance tonight. I’ve always been a big fan of yours and your song and I hope that you are successful even in the final. How do you feel?”
Anschließend findet die Aftershowparty im Euroclub statt. Dort wurde in den letzten Tagen auch einschlägig bekannte deutsche Fernsehprominenz gesichtet. Nein, nicht Hape Kerkeling und Mary Roos, die als Mitglieder der deutschen Jury mittlerweile in Oslo weilen, sondern der Halbnorweger Georg Uecker. Dieser bewies gestern Nacht perfektes Timing: Nachdem er vom Barkeeper um 2:59:59 Uhr seine Bestellung (eine Cola, ein Bier) erhalten hatte, wurde der nächste Gast abgewiesen – kein Alkoholausschank nach 3 Uhr! Nicht ohne Grund gilt Norwegen auch als die Schweiz Skandinaviens. In jeder Hinsicht.
Zitat des Tages: „Europa ist dominiert von Männern – Kriege, der Sport, die Politik. Nur beim Grand Prix haben Frauen eine Chance. Wenn Angela Merkel hier antreten würde – sie würde gewinnen!“ – gehört bei der Podiumsdiskussion des Eurovision Research Networks
Mittwoch, 26. Mai: Gold hat einen festen Aggregatszustand
Ja, da kam also das Ergebnis des ersten Semifinals. Die russische Altkleidersammlung ist weiter. Der polnische Mörder hingegen konnte dingfest gemacht werden, ehe ihm noch weitere arglose Backgroundsängerinnen zum Opfer gefallen wären. Schade ist es um die folkloristischen Finninnen. Gefreut haben sich aber alle über das Weiterkommen des jungen Gitarren-Belgiers und der vulkanartigen Gaby aus Island, Hera Björk.
Kurz gesagt: Ehtno und Sex wurden abgewählt, schnelle Titel und persönliche Lieder kamen weiter. Es ist nicht auszuschließen, dass sich dieser Trend am Donnerstag fortsetzt. Das gäbe dann auch eine kleine Hoffnung für den schwulen Schweizer Michael von der Heide, sich im zweiten Halbfinale zu qualifizieren. Sein Song „Il pleut de l'or“ bedeutet ja eigentlich „Es regnet Gold“; allerdings wird Michael bisweilen amüsant-bösartig unterstellt, hier güldene Wasserspiele zu besingen. Tatsächlich regnet es aber eher Schokolade in dreieckiger, gold-glitzernder Verpackung. Zumindest wird diese von Michaels Manager verteilt, der auch aus einschlägigen Hamburger Party-Locations bekannt ist und in der Hansestadt vor einiger Zeit das erste Schlagercafé organisiert hat.
Schlager im ursprünglichen Sinne gibt es beim Grand Prix 2010 hingegen kaum. Lediglich Sieneke aus den Niederlanden hält die entsprechende Fahne hoch - und das so camp, dass es schon wieder Kult ist. Sie steht am Donnerstag beim zweiten Semifinale mit einem Drehorgel-Imitat auf der Bühne in Oslo. Auch ihr Promomaterial ist einmalig kitschig. Unabhängig davon, wie es da für sie ausgeht, ihr Hit „Sha-la-lie Sha-la-la“ ist bereits der Gute-Laune-Garant im Euroclub.
Ähnliches Feierpotenzial hat natürlich auch „Satellite“ von unserer Lena. Diese schaffte es heute mal wieder in die norwegische Presse. Gestern sang sie erst bei einem Pressetermin auf einem Windjammer (!) auf dem Oslo-Fjord mit dem diesjährigen norwegischen Kandidaten Didrik Solli-Tangen im Duett „Ohne Dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“ und war später zusammen mit dem Vorjahres-Eurovisionsieger Alexander Rybak bei Stefan Raab zu Gast. Die norwegische Zeitung Dagbladet machte daraus die Schlagzeile „Harter Kampf um Skandal-Lena. Didrik und Alexander kämpfen um die Gunst des deutschen Mädchens“. Skandal-Lena? Ja, denn auch hier wurde noch mal Lenas Nippelalarm bei RTL in das Rampenlicht gezerrt. Wie heißt es so schön? Any publicity is good publicity. Insofern dürften die 12 Punkte aus Norwegen für Deutschland ja wohl sicher sein.
Zitat des Tages: „Wenn Miro [der Bulgare] am Donnerstag im zweiten Semi nicht weiterkommt, gehe ich ins Wasser. In den Oslo-Fjord. Und Miro nehme ich mit!“ – gehört auf der Busfahrt nach dem ersten Semifinale zurück in die Stadt
Bewegte Bilder aus Oslo: Den NDR-Videoblog gibt's hier
Dienstag, 25. Mai: Wenn Polen mordet und Moldawien blank zieht
Die Tage in Oslo können ganz schön kurz sein. Ganze zwei Tagesordnungspunkte wurden gestern abgewickelt: Arbeit im Pressezentrum mit der ersten Generalprobe (auf Neu-Deutsch: Dress Rehearsal) des ersten Semifinals und anschließend Partyprogramm. Allerdings war das nicht irgendeine Party: Schließlich hatte unsere Lena geladen!
Beginnen wir mit Lena: Sie kam, sang und siegte noch nicht – schließlich ist das erst das Ziel für Samstag. Sie war charming und erreichte die Herzen der anwesenden Journalisten-Fans. Diese waren dem Lockruf der Freigetränke in den Euroclub gefolgt und nach einer Stunde waren 10.000 Euro vertrunken. Keine Angst: Die Gebührengelder sind zum einen gut in den Hüften angelegt und zum anderen kam die Hälfte des Geldes ja von der ukrainischen Delegation. Deren Vertreterin, Alyosha, sang ganz hübsch, aber ihre Lieder waren doch eher Stimmungstöter.
Im weiteren Verlauf des Abends folgten noch zwei weitere Gastauftritte – beide mit erheblichem Transenpotenzial! Zunächst trat Eva Rivas auf, die offenbar die größte Armenierin auf Gottes Welt ist. Zwei Meter soll sie messen. Dazu kommen offensichtlich künstlich verlängerte Haare bis zur Poritze (einige Fans stimmten „Du hast die Haare schön“ an) und ein herber Charme, so dass schon Vermutungen laut wurden, zwei der von ihr in ihrem Beitrag besungenen „Apricot Stones“ könnten sich zwischen ihren Beinen befinden.
Deutlicher war der Transen-Approach bei den später überraschend auftretenden Moldawiern. Diese hatten sich jeweils zu mit riesigem Brustumfang ausgestattete Verka Serduchkas aufgedresst. Wir erinnern uns: Das war 2007 mit „Sieben Sieben Eilulu“ Platz zwei in Helsinki. Als zweiten Song präsentierten die Moldawier ihren diesjährigen Beitrag „Run Away“, wobei der Sänger zumindest obenrum blank zog. Auch hübsch!
Moldawien eröffnet heute Abend das erste Semifinale, das im NDR Fernsehen übertragen wird und bei dem Deutschland stimmberechtigt ist. Nach dem ersten Dress Rehearsal gestern war man jedoch etwas ratlos: Gibt es von den 17 antretenden Titeln überhaupt zehn, die es verdient haben, am Samstag im Finale dabei zu sein?
Im grotesken Sinne sehenswert ist der polnische Beitrag – mit dem ersten Mord auf der Grand-Prix-Bühne. Der Sänger Marcin reißt einer Tänzerin erst die Bluse vom Leib und würgt sie anschließend, worauf diese auf dem Boden zusammenbricht. Noch geschmackloser, da unverschämt frauenverachtend, ist das, was sich die Mazedonier ausgedacht haben: Frauen sind Schlampen und Männer coole Rapper mit Anzug und Sonnenbrille. Schäbigkeit erreicht hier einen neuen Tiefpunkt.
Bei zwei Beiträgen gilt heute besonderes Daumendrücken: Die Finninnen strahlen mit ihrem Folk-Titel so viel guter Laune aus, dass sie einfach weiterkommen müssen. Die Isländerin Hera Björk hat sich als in den letzten Jahren, in denen sie als Backgroundsängerin die Beiträge der Asche speienden Pleiteinsel unterstützt hat, zur Gaby der anwesenden Homo-Schar entwickelt. Diesmal ist sie Solistin und in jeder Hinsicht kraftvoll. Hoffen wir, dass auch die deutschen Zuschauer ihr Potenzial erkennen. Am späten Abend wissen wir mehr.
Zitat des Tages: „Der? Der lebt in New York und kommt jedes Jahr für eine Woche nach Europa – für den Grand Prix!“ – geäußert nachmittags im Pressezentrum
Bewegte Bilder aus Oslo: den NDR-Videoblog gibt's hier
Montag, 24. Mai: Das Grand-Prix-Leben ist hart, härter, am herzesten
Die Norweger wissen einfach, wie’s geht: Sie haben gestern unserer Lena den Geburtstag fern der Hannöverschen Heimat versüßt! Zu Beginn ihrer Probe lief riesengroß auf schwarz-rot-goldenem Untergrund ein Laufband über den Bühnenhintergrund: „Alles Gute zum Geburtstag! Happy Birthday, Lena!“. Die anwesende deutsche und internationale Presse sang dazu. Kein Wunder, dass die Probe bestens lief! Und die Gratulationen gingen auch abends weiter – beim Empfang im Osloer Rathaus. Nachdem alle 39 Delegationen über den pinken Teppich in den monumentalen Backsteinbau flaniert waren, begrüßte der Bürgermeister die Gäste und gratulierte noch im gleichen Atemzug Lena zum Jahrestag.
Das sich anschließende Programm war durchdacht und bestens auf die Zielgruppe zugeschnitten: Neben dem Vorjahressieger Alexander Rybak trat Oslos schwuler Männerchor „Oslo Fagottkor“ auf und trug ein Grand-Prix-Medley vor. Das Highlight: Der Chor sang zusammen mit den ersten norwegischen Eurovision-Siegern, den Bobbysocks, deren damaligen Beitrag „La det swinge“. Übrigens, falls das hier jemand von der Schola Cantorosa liest: Der „Oslo Fagottkor“ ist auf der Suche nach internationalen Chor-Kontakten. Das lohnt sich nicht nur musikalisch!
Dass die Musik Menschen zusammenführt, gilt in Norwegen in besonderem Maße nach dem Konsum alkoholhaltiger Genussmittel. Im Osloer Homo-Café Elsker etwa wird bis einschließlich Samstag jeden Tag zu Grand-Prix-Musik gefeiert. Hier tanzt und flirtet beispielsweise der Blumenlieferant der königlichen Familie. Auch Fredrik Kempe feierte gestern im Elsker. Er ist der schwule Komponist des diesjährigen norwegischen Beitrags „My Heart is Yours“. Dessen äußerst attraktiver Interpret Didrik Solli-Tangen hatte beim norwegischen Vorentscheid noch leichte Ausspracheprobleme, so dass aus dem „Heart“ in der Titelzeile ein „Hard“ wurde. Während Didrik zwar mittlerweile klar und deutlich sein Herz verschenkt, träumen die tragisch Veranlagten hier vor Ort immer noch von seinem „Hard“.
Hart wird’s auch heute wieder im täglichen Eurovision-Zirkus: Um 15 Uhr beginnt das erste „Dress Rehearsal“ mit allen Abläufen der Show, die am Dienstag um 21 Uhr im NDR Fernsehen übertragen wird und bei der Deutschland mitvoten kann. Für heute Abend haben außerdem unsere Lena und die ukrainische Alyosha zu einer Party in den Euroclub geladen. Geworben wird mit Freigetränken – da kann das Fest eigentlich nur ein Erfolg werden. Skål!
Zitat des Tages: „Selbst die Punks sind hier süß!“ – geäußert nachts um halb 4 auf dem Heimweg vom Café Elsker
Sonntag, 23. Mai: Journalisten sind halt auch nur Fans
Sommer in Oslo! Vergangene Nacht um eins waren es noch knapp 20 Grad. Aber auch wenn in den nächsten Tagen die Temperaturen wieder auf skandinavisches Normal-Niveau sinken werden – warm bleibt es in Oslo auf alle Fälle. Bereit seit einer Woche versammeln sich hier hunderte einschlägig vorbelastete Fans des größten Musikevents der Welt.
Wichtigstes Ereignis neben der ersten Probe unseres Stars für Oslo: Lena feiert heute Geburtstag. Süße 19 wird sie. Gearbeitet wird trotzdem: Um 17.15 Uhr hat sie ihre zweite Probe. Danach werden wir sie hoffentlich beim Empfang des Osloer Bürgermeisters im faszinierend-klobigen Rathaus treffen und ihr gratulieren können.
In der Pressekonferenz nach ihrer ersten Probe sollen sich Stefan Raab und eine RTL-Journalistin etwas in die Haare geraten sein. Angeblich hat Raab dabei auch den Zuschauern von RTL unterstellt, nicht Englisch zu sprechen beziehungsweise zu verstehen. Zur Vermeidung eines Sprach-Faux-Pas á la Westerwelle sei deshalb zur Beantwortung der RTL-Frage auf Deutsch gewechselt worden.
Überhaupt, die Pressekonferenzen: sie finden in einer Art statt, wie sie sich Angela Merkel nur wünschen kann: Beim Einmarsch der irischen Delegation etwa gab es Standing Ovations von den anwesenden Fans, äh Journalisten! Abends wird dann gefeiert. Gestern standen unter anderem die georgische, die griechisch-zypriotische sowie die estnisch-schweizerisch-ukrainisch-isländische Party auf dem Programm – ja, im Europa des Jahres 2010 gibt es ungewöhnliche Konstellationen. Ähnlich sind sich die Partys dabei immer nur darin, dass die jeweiligen nationalen Künstler auftreten. Das Drumherum aus Catering und Geschenken variiert erheblich. Als es bei der russischen Party am Freitag Freigetränke und ein Flying Buffet gegeben haben soll, kam es laut Augenzeugen berichten zu „unwürdigen Szenen“ als sich die „Journalisten“ auf die kostenlose Verpflegung stürzten.
Denn das darf man hier nicht vergessen: Trotz der ach so hohen Einkommen hipper Homosexueller bleibt Oslo die teuerste Stadt der Welt und ist damit eine Herausforderung auch für mittelschichtige Mitteleuropäer. Konkret heißt das für uns Deutsche: Es ist mal alles gepflegt doppelt so teuer wie daheim. Aber wie sangen schon die Ärzte in einem Nicht-Grand-Prix-Lied: „Es ist zwar etwas teurer, dafür ist man unter sich.“ Damit dann mal auf zur Pressekonferenz des mega-prolligen bulgarischen Sängers Miro Kostadinov, dem ja durchaus auch gleichgeschlechtliche Ambitionen nachgesagt werden...
Zitat des Tages: „Schön, dass Lesben jetzt beim Grand Prix auch wieder eine Chance haben!“ – geäußert, als im Euroclub der serbische Titel des über-androgynen Milan Stankovic gespielt wurde.
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Moin Lars,
in diesem Jahr hoffentlich mal kein politischer Einsatz beim Grand Prix nötig.
Beste Grüße,
Christian
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