
Judith, mit Ausnahme von zwei Stücken ist euer neues Album wesentlich ruhiger ausgefallen als der Vorgänger „Soundso“, da gibt es keine hysterischen Stücke wie etwa „Endlich ein Grund zur Panik“ …
Ja, die Hysterie habe ich da zu meiner vollsten Zufriedenheit abgefeuert, damit war ich dann erst mal durch. Man muss immer die Platte machen, die jetzt gerade raus muss. Die neue Platte kam aus einer ruhigen Zeit mit viel Nachdenklichem, auch so ein bisschen des Wundenleckens, wo man nach sieben Jahren des Unterwegsseins seine Verluste zählt und seine Sachen zusammensammelt. Die Texte sind schon aus einer Erschöpfung heraus entstanden, körperlicher wie seelischer gleichermaßen. Und dementsprechend melancholisch ist das ganze Ding.
Auch auf dieser CD faszinieren wieder deine Sprachbilder, in „Träume anderer Leute“ heißt es etwa „Du schlafwandelst, du bravwandelst, du herdentierst, du schafwandelst den Schäfchen hinterher“. Überfällt dich so etwas einfach?
Ja, das fliegt mir so zu. Dann schreibe ich so etwas auf und kicher mir eins. Die Sprache macht das mit mir, und ich mach dann mit. Ich will mich auch gar nicht dagegen wehren.
Hat das Kinderkriegen deine Art, Texte zu schreiben, verändert?
Ja, bestimmt, ich denke, dass garantiert mein Sendungsbewusstsein abgenommen hat. Kinder machen einen eher introvertierter, da entsteht ein Rückzugsbedürfnis, ein Bedürfnis nach Ruhe und Zeiten und Orten für sich. Ohne Kinder könnte man auf einen Rockstar-Modus schalten, das kann man nicht machen, wenn man Kinder hat.
Erweitert das Kinderkriegen vielleicht auch Horizonte, vielleicht auch, weil man herausfindet, was wichtig ist und was nicht?
Ja, das Gute ist, dass Kinder zu einer größeren Gradlinigkeit und Entschlossenheit zwingen. Mit Kindern merkt man, man hat nur ein gewisses Energiekontingent, ich bin ein Arbeitstier, kann auch mit sehr wenig Schlaf und mit sehr wenig Zeit für mich selbst auskommen, wenn die Sachen mich tragen, mich begeistern. Jetzt muss ich noch konsequenter die Sachen auswählen, auf die ich Bock hab. Die Frage ist jetzt nicht mehr, passt es zu uns, können wir das machen, sondern ob genug zurückkommt für die Energie, die ich da jetzt reingebe.
„Meine Freundin war im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt“ heißt ein sehr auffallender Song auf dem Album, ist er nach einer wahren Begebenheit entstanden?
Ja, ist er. Die Freundin, der das passiert ist, muss eine wahre Armee an Schutzengeln – egal welcher Konfession – an ihrer Seite gehabt haben. Als ich das Lied geschrieben habe, hab ich selbst gedacht, das ist zu krass, zu dunkel, so unversöhnlich, dann hab ich es Pola vorgespielt und der hat auch gemeint, das kann man nicht bringen. Aber die Freundin fand das ganz toll und hat sogar gesagt, sie wäre traurig, wenn es nicht auf die Platte kommt.
In diesem Song schreibst du vom „Tunnelende“ und dem „weißen Licht“. In „Nichts was wir tun könnten“ verwendest du ein ähnliches Motiv, da geht es um „einen Schlag, der mich erlöst und mich entlässt in unendliche Weiten für einen Blick auf die andere Seite“. Woher kommt die Beschäftigung mit einem möglichen Tod?
Ich hab schon als Kind große Angst davor gehabt, dass mir nahestehende Familienmitglieder sterben. Irgendwann habe ich mich dem Buddhismus zugewendet, wo die Beschäftigung mit der Vergänglichkeit einen großen Platz hat und auch ein großes Versprechen enthält. Wenn man der grundmenschlichen Angst vor Trennung ins Auge gesehen hat, dann ist man mit allem durch. Wenn man Kinder hat, kann man damit aber wieder von vorne anfangen. Oder einsehen, dass man eh keine Chance hat. Mit Kindern ist der Zug zur Loslösung erst mal abgefahren. Die Liebe zu Kindern ist die verbindlichste, die man sich einhandeln kann. Aus der Nummer kommt man nicht mehr raus.
„Die Ballade von Wolfgang und Brigitte“ handelt auch vom Eingehen von Verbindlichkeit in der Liebe und dann wieder doch nicht, um das Austesten der vielen Möglichkeiten, auch multisexueller Natur, da schlafen die beiden Titelfiguren gemeinsam auf Irenes Bauch, und zwischendurch liebt Dieter auch mal Reinhard. Wo hast du die Idee für diesen Song hergenommen?
Das war eine Anregung von Pola (Roy, Schlagzeuger der Band und Judiths Ehemann, die Red.), der irgendwann mal meinte, ob ich nicht ein Lied über die Szenarien meiner Kindheit schreiben will. Erst sagte ich, ich glaub nicht, dass ich das kann, das ist ein Thema für ein Buch, aber nicht für ein Lied. Aber dann hatte ich noch auf derselben Autofahrt die für mich zündende Idee, dass das keine Persiflage sein darf, sondern ein ganz aufrichtiges, ernsthaftes, respektvolles, unironisches Liebeslied sein muss.
Du bist ja in einer Kommune mit einer Mutter groß geworden, die in lesbischen Beziehungen gelebt hat …
Eine Kommune war das nie, sondern so eine Kommune-artige WG mit nicht ganz so viel Konzept, aber schon ordentlich Debatten am Küchentisch über die freie Liebe und Besitzansprüche und alles, was dazu gehört. Ich hab mit meiner Mutter allein gelebt, die hatte immer langjährige Freundinnen, die aber nicht bei uns gewohnt haben. Die waren natürlich ein großer Teil meines Lebens. Mit ihrer jetzigen Freundin ist meine Mutter zusammen, seit ich 14 bin, also seit 20 Jahren.
Wie ging es dir, wenn du andere, eher herkömmliche Familienmodelle in deiner Umgebung gesehen hast? Hast du etwas vermisst?
Nee, es war mir quasi in die Muttermilch gelegt, dass ich immer ein Lebenskonzept hatte, das anders war als das von anderen Leuten. Nach dem Umzug von Berlin nach Freiburg habe ich vielleicht noch ein bisschen mehr unter der Spießigkeit gelitten, Kinder wollen ja auch mal nicht so auffallen, da hätte ich manchmal lieber heterosexuelle Hippie-Eltern verteidigt. Aber ich bin sehr glücklich und froh über das, was mir die Zeit fürs Leben mitgegeben hat. Ich glaube, dass ich dadurch eine wirklich tief gefühlte, große Offenheit mitbekommen habe, und ein völlig selbstverständliches Wissen darüber, dass es verschiedene Wege zum Glück gibt.
Gerade wurde wieder die Öffnung des vollen Adoptionsrechts für schwule und lesbische Paare diskutiert, Politiker aus der Union lehnen das mit dem Verweis ab, dem Kindeswohl sei mit einem Elternpaar aus Vater und Mutter am besten gedient. Wie stehst du dazu aus deiner eigenen Erfahrung heraus?
Dazu habe ich eine ganz klare Meinung. Das volle Adoptionsrecht muss natürlich möglich sein. Ich finde es völlig selbstverständlich, dass Kinder liebende Eltern brauchen, egal welcher sexuellen Orientierung. Wenn es vielleicht mal schwierig ist, ein besonderes Familienkonzept nach außen zu tragen, wird das tausendfach dadurch wettgemacht, dass die Eltern einen bewusst ausgesucht haben – gerade wenn man sich anguckt, wie viele Kinder in Familien hineingeboren werden, die sie nicht haben wollen. Da ist ja erst mal ein wahnsinniger Liebesimpuls notwendig, um als schwules oder lesbisches Paar ein Kind zu adoptieren. Kinder brauchen liebevolle Bezugspersonen, die sie wirklich haben wollen, und sonst nichts.
Das Album „Bring mich nach Hause“ ist bei Columbia Berlin/Sony erschienen. Mehr unter www.wirsindhelden.de
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