
Maestro, sie haben die Hamburger Konzertsaison mit einem gewaltigen Stück von Olivier Messiaen eröffnet: „Des Canyons aux Étoiles“. Welche Botschaft verbinden sie damit?
Mich interessierte der Umgang des Menschen mit der Natur. Messiaen beschreibt in seinem Stück die Idee einer unberührten Landschaft. Daran habe ich bei der Auswahl zuerst gedacht, denn Hamburg wird im nächsten Jahr europäische Umwelthauptstadt. Wir haben einen modernen Künstler gebeten, ein Video zu drehen, das als Kommentar parallel zur Musik gezeigt wurde. Man sieht darin eine Art surrealistische Welt und eine Natur, die leider sehr stark durch den Menschen berührt ist. Die Bilder sind sehr stark und fragen: Was machen wir mit unserer Welt?
Kann Musik alleine das nicht leisten?
Ich glaube nicht. Messiaen hat ein sehr kompliziertes und sehr faszinierendes Stück komponiert. Aber was ist die Aussage? Wenn man diesen Hymnus an Gott zusammen mit den Bildern des Videos sieht, dann klingt die Musik anders.
Was überwiegt für sie: die Angst vor einer zerstörten Natur oder die Hoffnung auf die Einsichtsfähigkeit der Menschen?
Ich bin von Natur aus ein wenig pessimistisch. Der Mensch hat alle Möglichkeiten, seine Existenz zu zerstören, das wissen wir spätestens seit 1945. Wir zerstören beispielsweise die tropischen Wälder und reden seit 30 Jahren darüber - aber niemand stoppt dies. Ich weiß nicht, ob ich es noch erlebe, dass sich etwas ändert. Unsere politischen Einflussmöglichkeiten sind in Zeiten der Globalisierung sehr gering.
Für die Uraufführung des Stückes hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen die Schirmherrschaft übernommen. War dies ein politisches Konzert?
Im Gegenteil! Ich selbst bewege mich, wie wohl die meisten Künstler, politisch links von der Mitte…
…da wäre es doch spannend zu sehen, ob die Politik die Kunst befruchtet – oder umgekehrt!
Ich war ungemein überrascht und erfreut, dass es zu der Schirmherrschaft gekommen ist. In der aktuellen materialistischen Krise hat die Kultur nur eine sehr kleine Lobby. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass das Ministerium dieses Konzert finanziell gefördert hat. Ich glaube, das war keine politische Geste, sondern eine ehrliche.
Von ihnen stammt der Ausspruch: „Musik ist alles, weil alles Musik ist“. Wie darf man das verstehen?
Wir hören jeden Tag die Vögel singen. Das ist vielleicht nicht unbedingt für jeden Musik, aber ich glaube, Musik ist überall. Sie ist auch visuell. Sie ist nicht wie eine Sprache, denn jeder kann sie verstehen! Für mich persönlich war sie ein enormer Trost während meiner langen Aufenthalte in Krankenhäusern, besonders als ich Kind war.
Sie waren zunächst Arzt, bevor sie Dirigent wurden.
Ich hatte aufgrund meiner Behinderung als Kind so oft mit Medizin zu tun, dass ich dachte: Medizin hat mein Leben überhaupt erst möglich gemacht: dass ich ein relativ unabhängiger Mensch bin, nicht im Rollstuhl sitzen muss und so weiter. Ich hatte das Gefühl, dass ich der Welt als Arzt einen größeren Dienst erweisen könnte denn als Musiker. Aber das war etwas zu idealistisch gedacht.
Was bietet ihnen die Kunst, was die Medizin nicht hat?
Medizin kann wahnsinnig viel geben, ihre menschlichen Aspekte haben mich immer fasziniert. Die Wissenschaft selbst fand ich nicht so interessant, und das ist für einen Arzt natürlich fatal. Es gibt eine Verbindung zwischen Medizin und Musik. Vielleicht kann man sagen: Ich mache Musik, weil ich weiß, dass auch sie Menschen helfen kann.
Weil sie eine spirituelle Komponente hat?
Absolut! Das hat etwas mit Transzendenz zu tun, auch mit Meditation. Solche Momente findet man komischer weise oft bei Wagner, leider…
Nach 32 Jahren haben sie vor kurzem ihren Lebensgefährten geheiratet. Was für ein Gefühl ist das?
Unser Grund war „ganz normal“. Wenn man älter wird denkt man an Krankheiten, an Krankenhäuser – und natürlich auch ans Sterben und daran was es heißt, wenn jemand zurückbleibt. Aber: Jetzt, wo es endlich möglich ist, wollten wir unsere Beziehung auch offiziell legitimieren. Wir dachten beide, die Sache beim Standesamt geht ohne Emotionen ab – aber es ist natürlich doch ein großartiges Gefühl.
Mussten sie sich früher verstecken?
Nein, eigentlich nie, die Leute wussten immer, dass wir ein Paar sind. Und ich bin, wie ich bin, da hat mir meine Behinderung auch eine gewisse Freiheit gegeben. So I don’t care! Und es ist toll, dass man jetzt endlich heiraten kann! Das war in England weiß Gott nicht einfach.
Sie sind Jahrgang 1943, sie kennen also auch die Zeiten der Ausgrenzung und Verfolgung von Homosexuellen aus eigener Erfahrung.
Wenn ich zurückdenke, hatte ich nie wirkliche Probleme mit dem Schwulsein. Ich war in Cambridge, und selbst dort konnte ich relativ normal leben. Aber natürlich waren Männer, die älter waren als ich, wesentlich vorsichtiger.
Setzen sie mit ihrer Verpartnerung also auch ein Zeichen?
Wir wollten erst gar nicht, dass das bekannt wird, aber als man uns dann gefragt hat, haben wir selbstverständlich auch darüber geredet. Es ist doch gut, wenn die Leute sehen, dass es kein Problem mehr ist. Nehmen sie Guido Westerwelle: Ich finde es toll zu sehen, dass es in Deutschland keinen Widerstand mehr dagegen gibt, dass zwei Männer heiraten.
Welches Gefühl bewegt sie dabei am meisten?
Dankbarkeit? Ja, sicher auch – es wäre unverschämt, das nicht zu sagen. Auch weil Tony Blair den Mut hatte, das durchzusetzen, obwohl ihn das Problem selbst gar nicht betrifft. Aber man darf auch nicht vergessen, dass die Geschichte in Amerika mit Stonewall angefangen hat. Ich wollte mich nie aus der Gesellschaft ausschließen, nur weil ich vielleicht anders bin. Da hat mir meine Behinderung geholfen, wenn auch nicht in der schwulen Welt - da war ich immer am Rand. Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, dass meine Gefühle für andere Menschen nicht normal sind oder Homosexualität vielleicht sogar eine Krankheit. Und wenn das heute legalisiert wird, dann ist das einfach wunderbar!
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Am 29. September 2011 kehrt Maestro Jeffrey Tate nach langer Abwesenheit wieder in die Laeiszhalle Hamburg zurück! Mehr Infos: hamburgersymphoniker.de/artikel-445-st-konzertdetails-397.htm
Es erwartet Sie ein Star-Aufgebot selten gesehenen Ausmaßes: Simon Keenlyside, Juliane Banse, Chen Reiss, Iris Vermillion, Steve Davislim, Georg Zeppenfeld, dem Tölzer Knabenchor und mehr.
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