
Auch die heile Welt eines Schlagersängers kann mal durcheinander geraten. Wie etwa die des Schweden Johnny Bode. Weil er während des 2. Weltkrieges in NS-Uniform für die norwegischen Nazi-Kollaborateure auftrat, wurde er in seiner schwedischen Heimat lebenslang boykotiert. Sein Geld verdiente er fortan mit dem Verfassen von Kirchenchorälen, Pornoromanen und unmissverständlichen Liedern („Nur mit weißen Handschuhen wichst man mich“), die er auch in Deutschland veröffentlichte.
Noch überraschender aber die Single, die der überzeugte Hetero 1968 unter dem Namen Johnny Delgada herausbrachte : eine rührig-kitschige schwule Schnulze mit dem Titel „Wir zwei, wir sind nicht wie die andern“.
Dass dieses Kuriosum dem Vergessen entrissen und sogar wieder auf CD greifbar ist, ist das Verdienst von Ralf Jörg Raber. Er hat nicht nur die Sampler-Edition „Homosexualität auf Schallplatte“ initiiert, auf dieser obskure Schlager wiederveröffentlicht wurde, sondern die Früchte seiner jahrelangen Sammel- und Forscherleidenschaft nun auch als Buch aufbereitet und mit zahlreichen Porträts wie dem von Johnny Bode gespickt.
Am Anfang stand die grundsätzliche Begeisterung für das Medium Schallplatte, erzählt Ralf Jörg Raber, der als Religionslehrer in Essen lebt. „Als Kind konnte ich mich für die Musikboxen in den Kneipen und mehr noch für Wechsler-Plattenspieler begeistern, bei denen zehn Singles nacheinander auf den Plattenteller rutschten“. Als Jugendlicher begann er schließlich systematisch Schellackplatten zu sammeln. Als er dabei an erstaunlich offenherzig schwule Lieder aus dieser Frühphase der Musikindustrie geriet, begann Raber ganz gezielt nach solchen musikalischen Zeugnissen zu suchen.
Um es vorweg zu nehmen: „Wir sind, wie wir sind. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD“ ist mehr als ein akribisch zusammengetragener Katalog all der Plattenerzeugnisse, sich in deutscher Sprache – ernsthaft, boshaft, satirisch oder emanzipatorisch – mit Homosexualität beschäftigen.
Raber gelingt über die Musik zugleich auch eine Kulturgeschichte der Homosexualität im deutschsprachigen Raum – von den Anfängen mit „Der Hirschfeld kommt!“, einem Couplet des Berliner Humoristen Otto Reutter von 1906 über Kabarettschlager aus den goldenen, sexuell experimentierfreudigen 20er Jahren, gutgemeinten Schlagern wie Bernd Clüvers „Mike und sein Freund“, bis hin zu lesbischem Punkrock, homofeindlichem HipHop, Georgette Dee und Rosenstolz sowie Frivolem aus des Spießers Plattenschrank.
Wie etwa die Schlüpfrigkeiten des Marcel André . Der war 1956 von Wien, wo man ihn wegen Homosexualität verurteilt hatte, nach Hamburg geflohen und im Travestieclub „Bar Celona“ zum Star des Ensembles aufgestiegen. 1962 erschien erstmals ein Programm-Mitschnitt mit Liedern wie „Habt Erbarmen mit uns Warmen“. „Trümmer-Tuntentrash, der einem bisweilen den Atem verschlägt“ beschreibt Raber diese Kuriosität, die man nun zu gerne einmal hören möchte.
Die Schallplatte als industrielles Massenmedium spiegelt für Raber nicht nur den kulturellen wie politischen Zeitgeist wider, sondern er sieht sie auch akustischen Indikator gesellschaftlicher Veränderungen und als Gradmesser von Toleranz und Akzeptanz. Nicht ganz so rosig war es damit Anfang der 70er Jahre bestellt, als die musikalische Schwulenverarsche zum einträchtigen Geschäft wurde und der heterosexuelle Familienvater Alexander Gordan zum tuntig-näselnden Detlev („So schwul kann doch kein Mann sein“) mutierte.
„Die Detlev-Platten prägten in meiner Schulzeit in den70ern, lange vor meinem Coming-out mein Bild von Homosexuellen. Das waren tuntige Exoten, die man nicht ernst nehmen konnte“, erinnert sich Raber. Er hätte sich gerne mit Alexander Gordan darüber unterhalten, wie er seine klischeetriefenden Homo-Plattitüden rückblickend betrachtet. Raber konnte ihn tatsächlich ausfindig machen. Aus Krankheitsgründen war es aber leider zu einem Gespräch mit dem heute weit über Achtzigjährigen nicht mehr gekommen.
Ralf Jörg Raber: „Wir sind wie wir sind. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD.“ Männerschwarm Verlag, 406 Seiten, 24 Euro
Rabers „ Homosexualität auf Schallplatte- Sampler „Wir sind, wie wir sind! Aufnahmen 1900-1936“ und „Ich will, daß es das alles gibt! Aufnahmen 1952-1976“ sind bei Bearfamily Records erschienen
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