
Chaim, du hast einen Film über einen schwulen orthodoxen Juden gemacht. Als Atheist und Hetero: Welche der beiden Communitys fandest du seltsamer?
Ich war auf beide sehr neugierig. Religion fasziniert mich: Sie ist eine Fantasie, eine starke Illusion, denn sie gibt dir eine feste Grundlage für dein Leben. Und Homosexualität fasziniert mich als sexuellen Menschen. Ich habe mir immer gewünscht, bisexuell zu sein. Das würde mein Potential an sexuellen Erfahrungen verdoppeln.
Sorgt ein streng religiöser schwuler Filmheld in Israel noch für Aufregung?
Natürlich spielte das in den Zeitungen eine Rolle, aber „Du sollst nicht lieben“ ist ein sehr respektvoller, zurückhaltender und ruhiger Film. Ich halte die orthodoxe Gemeinde nicht für heuchlerisch: Sie gibt dir Regeln – wenn du nicht danach lebst, kannst du eben nicht Teil von ihr sein. Das macht den Konflikt so hart für Aaron: Wenn er diese Regeln bricht, zerstört er alles, was seinem Leben Sinn gibt.
Über die strengen Regeln kann man doch diskutieren...
Nein, für das Judentum ist Homosexualität mehr als nur eine große Sünde – es gefährdet das Wesen der Religion. Du kannst gar nicht schwul sein. Natürlich kann ein Mann mit anderen Männern schlafen. Das ist eine Sünde, aber es bedeutet nicht, dass du schwul bist. Es ist nur eine Panne. Was bleibt dir also übrig? Du kannst nicht einmal für deine Rechte kämpfen, denn du kannst nicht über etwas diskutieren, das es gar nicht gibt.
Streng religiöse Homo-Gegner sind in Israel sehr präsent. Macht das die Debatte über Homosexualität leichter?
Ja, dieses Gegenstück lässt die pluralistischen Orte in Israel aufblühen. Tel Aviv zum Beispiel ist eine der homofreundlichsten Städte der Welt. Mit einem so traditionellen, aggressiven Gegenüber ist das Bedürfnis, sich selbst als schwul oder lesbisch auszudrücken vermutlich größer als anderswo. Es inspiriert.
„Du sollst nicht lieben“, ab 20. Mai im Kino
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