
Es gibt Themen, da ist man froh, wenn Schriftsteller die Finger davon lassen. Alter und Krankheit gehören dazu. Umso erfreulicher ist es, mit „Der Stand der Dinge“ einen Roman in Händen zu halten, in dem sich der norwegische Autor Odd Klippenvåg sich ihnen auf literarisch kluge Weise annimmt.
Erzählt wird vom Leben des über siebzigjährigen Antiquitätenhändlers Simon, der nach einem Schlaganfall im Pflegeheim lebt. An einem Sonntag wartet er auf den Besuch seines Lebensgefährten Annar. Doch dieser verzögert sich immer mehr. Während Simon sich als Hilfsbedürftiger in den normierten Abläufen eines institutionalisierten Betreuungssystems erleben muss, versichert er sich zugleich in sprunghaften Erinnerungen seines tätigen Lebens. Geprägt ist es von 40 Jahren des Zusammenlebens mit dem 17 Jahre jüngeren Annar. Ein Zusammenleben, das einerseits mit Ritualen wie den Besuchen einer abgelegenen Berghütte traute, idyllische Züge der Zweisamkeit hat, andererseits aber „modern“ wirkt, wenn Simon akzeptiert, dass Annar einen festen Freund und Sexpartner als Dritten in die Beziehung bringt.
Mitunter scheint der Handel mit Antiquitäten als Gegenstück zur Begegnung mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Als ein lesbisches Paar mit Annars Hilfe ein Kind bekommen will, sieht Simon darin einen Rückfall in das überkommene, heterosexuelle Modell der Kleinfamilie. Sein Unverständnis lässt ihn als altmodisch erscheinen. Interessanterweise wird es sich im Verlauf des Romans herausstellen, dass der junge schwule Pfleger Sven Simons Ansichten teilt. Der Schlaganfall macht als schicksalhaftes Ereignis solche Debatten aber auf merkwürdige Weise obsolet; Simon scheint eine Frage nicht zu beunruhigen, nämlich die, was einst von ihm bleiben wird.
Odd Klippenvåg schildert Simon als zumindest äußerlich stoisch-ruhigen Charakter. Auch dramatische Erinnerungen, wie etwa an den wenig Geborgenheit gebenden Vater, sind durch eine Abgeklärtheit des Alters gemildert, die zwar nicht emotionslos ist, aber auf beunruhigende Art auch keine Zwischentöne aufkommen lässt. Klippenvågs eher karger Erzählstil erspart dem Leser viel an sentimentaler Weinerlichkeit, zugleich mutet er einem zu, auf die tröstende Wirkung des Sentiments verzichten zu müssen. Es wird eine Menge pragmatisch arrangiert in diesem Roman, in den Leben von Simon und Annar, es wird aber auch viel geschwiegen – was letztlich eine spezifische Form der Männlichkeit thematisiert. Diese Vielschichtigkeit macht „Der Stand der Dinge“ zu einem wunderbaren Buch.
Odd Klippenvåg: „Der Stand der Dinge“. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, 181 Seiten, Männerschwarm Verlag, 18 Euro.
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