
Er war einer der erfolgreichsten Schlagersänger der Nachkriegszeit und in seinen Liedern ständig auf See. Anlässlich des anstehenden 80. Geburtstages hat sich Elmar Kraushaar auf die Spuren des Wahl-Hamburgers Freddy Quinn begeben und ist nicht nur den Schwulengerüchten nachgegangen, sondern auch den zahlreichen Widersprüchen in Quinns offizieller Biografie. -Im Rahmen des Harbour Front Literaturfestival feiert „Freddy Quinn. Ein unwahrscheinliches Leben“ am 18.9. auf der MS Bleichen Buchpremiere. Vorab stand Elmar Kraushaar hinnerk Rede und Antwort.
Hinnerk: Über fünf Jahre hast du dich mit Freddy Quinns Lebensgeschichte auseinandergesetzt. Das lässt vermuten, dass du ein großer Fan bist?
Elmar Kraushaar: Keineswegs, mich hat aber die Geschichte und die außergewöhnliche Karriere fasziniert, seit ich mich mit dem deutschen Schlager beschäftige. Während der Recherchen habe ich dann richtig Blut geleckt. Je mehr ich einstieg, auf umso mehr Widersprüche bin ich gestoßen. Wie viele Lügen dieser Mann seinen Fans über die Jahre aufgetischt hat! Ich weiß, dass ich allenfalls die Hälfte von alledem aufgedeckt habe. Alles habe auch ich nicht herausgefunden beziehungsweise konnte ich noch nicht so stichhaltig belegen, dass ich es aufschreiben kann.
Hinnerk: Quinn deinen Recherchen offensichtlich nicht nur den angeblichen irischen Kaufmannsvater erfunden, sondern auch seine abgeblichen Kinderjahre in den USA. Dafür verschwieg er, dass er in Wien im Kinderheim war. Wie kommt jemand dazu, sogar einen falschen Geburtsort anzugeben?
Kraushaar: Seine Angaben wurden auch früher immer wieder in Zweifel gezogen, aber es stieß offensichtlich nie auf große Interesse. Er konnte daher seine Version, in Wien geboren worden zu sein, immer weiter verbreiten. Wobei er stets ausdrücklich betont, in Hamburg gezeugt worden zu sein. Das Maritime, die Bindung zur See war stets ein solch starker Teil seines Image, dass es ihm wichtig war, sich wenigstens auf diesem Umweg zu einem Hamburger Jungen zu machen.
Hinnerk: Für die Fans hätte es doch keinen Unterschied gemacht, ob er nun in Wien oder im niederösterreichischen Niederfladnitz zur Welt gekommen ist.
Eine Nachbarin in seinem Geburtsort sagte mir, dass er sich wohl dafür geschämt habe. Niederfladnitz ist eben nur ein Kuhdorf und kein Vergleich zu Wien. Überhaupt ist das ganze Leben dieses Mannes bestimmt von einem immensen Minderwertigkeitskomplex, die seine Person zeitlebens bestimmte: Er ist nicht gerade groß gewachsen, er stammt aus armen Verhältnissen, hat keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung.
Das erklärt auch viel in seinem Verhalten. Ich habe ihn bei meinen Begegnungen als einen sehr unfreundlichen, alles andere als liebenswerten Menschen kennengelernt. Er ist ein cholerischer, leicht verrückter Mann, der offensichtlich auch nur sehr wenige Freunde hat.
Hinnerk: Seine abenteuerliche Lebensgeschichte samt Fremdenlegion, Weltreisen und einem geheimnisvollen irischen Vater ist, wie du schreibst, in wesentlichen Teilen die Erfindung seines Produzenten und Komponisten Lotar Olias. Musste sich das Freddy Quinn zwangsweise gefallen lassen?
Kraushaar: Der hat das ganz gerne hingenommen. Dieser Mann war unglaublich ehrgeizig. Quinn hatte seine Karriere in Hamburg mit seinem besten Freund als Duettpartner begonnen. Nach ihrem ersten Fernsehauftritt, das war im NWDR-Studio im Hochbunker auf dem Heiliggeistfeld, servierte er ihn ganz kalt ab und strich ihn aus seiner Biografie. Das zeigt, wie kaltblütig Quinn Erfolg und Karriere im Blick hatte. Dafür hatte er alles getan. Lotar Olias war in der Branche ein mächtiger Mann und Quinn war froh, dass sich so jemand um ihn kümmerte. Manchmal habe ich auch gedacht, dass zwischen beiden eine sexuelle Beziehung bestand, habe dafür aber nie einen hinlänglichen Beweis gefunden. Zu dieser Zeit hatte er alles brav mit gemacht und sich nicht beschwert. Der Erfolg gab ihm ja recht. Die ersten Jahre folgte ein Nummer 1-Hit nach dem anderen, dazu kamen noch die ungemein erfolgreichen Filme hinzu. Es kam erst viel später, dass er von der ewig gleichen Matrosen-Nummer genervt war.
Hinnerk: Wenn man bei Google „Freddy Quinn“ eingibt, erscheint als erster Ergänzungsvorschlag „schwul“.
Kraushaar: Gerüchte über Quinns angebliche Homosexualität gab es schon erstaunlich früh. Die erste Quelle habe ich in einem Quinn-Porträt im „Stern“ 1961 gefunden. Die Bildunterschrift unter dem Foto eines jungen Mannes mit nacktem Oberköper, angeblich der Personal Trainer Quinns in Berlin, legte nahe, dass zwischen den beiden etwas gewesen sein könnte.
Hinnerk: Und, ist er es denn?
Kraushaar: 1996 hatte ich mit Quinn ein sehr ausführliches, aber auch anstrengendes Interview geführt. Sobald ich aber das Tonbandgerät ausgestellt hatte, war er wie ausgewechselt. Dann sprach er mit mir auf eine Weise, dass ich durchaus das Gefühl hatte, mit einem Schwulen zusammenzusitzen.
Hinnerk: Zwei Tunten beim Tratschen?
Kraushaar: So in der Art. Mir fehlen aber die handfesten Beweise für Quinns Homosexualität. Es ist aber schon erstaunlich, dass alle Leute, mit denen ich während der Recherchen gesprochen habe - und das waren wirklich sehr viele - als erstes sagten: „Aber der ist doch schwul“. Ich habe jedoch keinen Mann gefunden, der mir glaubhaft versichern konnte, dass er mit ihm im Bett war. Allerdings auch keine Frau....
Elmar Kraushaar „Freddy Quinn. Ein unwahrscheinliches Leben“. Atrium Verlag, geb., 369 S., 19,90 Euro.
Buchpremiere im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals am 18. 9., 20 Uhr, Stückgutfrachter MS Bleichen.
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