
Madeleine schreibt ihrer besten Freundin in einem Brief, dass sie nicht wisse, was mit ihr los sei: Sie verliebe sich immer nur in Frauen. Am nächsten Morgen hängt ihr Brief - vielfach kopiert - an den Wänden der Schule. „Die Leute haben mich angeguckt wie ein Stück Dreck. Und so habe ich mich auch gefühlt“, sagt Madeleine.
Sie erzählt ihre Geschichte in dem WDR-Dokumentarfilm „’Schwule Sau’ – der neue Hass auf Homosexuelle“ von Christina Zühlke, der in dieser Woche noch einmal auf EinsFestival ausgestrahlt wird.
Die WDR-Reporter begleiten darin Jugendliche zurück zu ihren ersten Erfahrungen mit Schwulenhass, in ihre Heimatorte, die Kirche und vor allem die Schule - und erleben vor laufender Kamera neue Angriffe und Beschimpfungen.
Jahrelang schien gerade bei jungen Menschen die Toleranz gegenüber Homosexuellen stetig zu wachsen. Doch nun beobachten junge Schwule und Lesben ein Rollback. So wie Kevin (22), den der Film ebenfalls portraitiert. Er hat es in seinem Heimatdorf im Sauerland nicht mehr ausgehalten und zog nach Köln: „Das war damals schon eine schwere Zeit, sich immer verstecken zu müssen. Immer Angst zu haben, dass Mitschüler einen fertig machen, das war schon hart“, erinnert er sich.
Kevin ist kein Einzelfall. Schwule Jungs und lesbische Mädchen spüren längst ein Klima von Ablehnung, Intoleranz und Hass. Ein Outing an der Schule kommt für viele nicht in Frage. Mit Abschottung oder Lügengeschichten versuchen die Jugendlichen, bloß nicht aufzufallen.
Auch Kevin kennt diese Probleme: „Zum einen die Mitschüler und die ständigen Schimpfwörter. Aber auch die Leute im Dorf. Ich denke mal, es liegt daran, dass Homosexualität für die Leute auf dem Land etwas Neues ist. Die sind noch nie damit konfrontiert worden und wollen sich auch nicht damit auseinandersetzen.“
Er outete sich schließlich im Dorf, legte aber vorher alle seine Ämter im Schützenverein nieder – und verließ das Sauerland. Es drängt ihn nicht mehr viel zurück, ein Besuch auf dem Schützenfest endete ernüchternd: „Ich kam in die Schützenhalle und wurde nur doof angeguckt. Wenn ich mich zu einer Runde dazu gestellt habe, sprachen die Leute nicht mehr mit mir oder es wurde Bier geholt und ich bekam selber keins."
Der Film von Christina Zühlke zeigt, was passieren kann, wenn verbale Gewalt nicht schon auf dem Schulhof unterbunden wird: „Es gibt eine regelrechte Schwulen-Hatz“, sagt Bastian Finke von der Opferberatung Maneo in Berlin. Fast jeder zweite schwule Mann in der Hauptstadt habe Erfahrung mit Gewalt.
Und auch Kevin machte bei den Dreharbeiten zu der Dokumentation in seiner neuen Heimat Köln negative Erfahrungen: „Gleich am ersten Tag stand ich mit meinem Freund in Köln an einer U-Bahn-Haltestelle. Da kam eine Frau an und rief nur ‚Schämt euch! Schämt euch!’ und spuckte meinem Freund auf die Jacke. Das war schon krass.“
Sendetermin: EinsFestival zeigt die Dokumentation am Donnerstag, 2. September um 16.30 Uhr sowie am Freitag, 3. September um 6.25 Uhr und 11.15 Uhr.
Das komplette Interview mit Kevin gibt’s hier
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