
An ihrem zehnten Hochzeitstag müssen Kai und Kai arbeiten. Das ist irgendwie konsequent, denn schon an ihrem ersten gab es keine große Feier. Als sie am 1. August 2001 vor die Standesbeamtin traten, kam das so plötzlich, dass für weitreichende Einladungen gar keine Zeit mehr blieb. Erst ein Urteil des Bundesverfassungsgericht ebnete damals kurzfristig den Weg. Doch dann sagten fünfzehn Paare in Hamburg: Ja!
Kai Eckstein (40) und Kai Wendel (38) gehörten zu den ersten Homosexuellen, die unter großem Medienrummel eine Eingetragene Lebenspartnerschaft eingingen. Natürlich haben sie aus Liebe geheiratet. „Aber für den Tag hat natürlich auch gesprochen, dass er so besonders ist“, sagt der Ältere der beiden. „Das hatte eine gewisse Strahlkraft.“ Und sein Mann fügt hinzu: „Der politische Hintergrund war schon wichtig. Das war ein politisches Statement.“
Insgesamt 2.401 Paare sind bis Juni 2011 diesen Schritt in Hamburg gegangen. Alexander von Beyme (35) und sein Mann Torsten von Beyme-Wittenbecher (33) sind eines davon. Sie haben vor zwei Jahren geheiratet. „Für mich haben die rechtlichen Dinge gar keine so große Rolle gespielt“, sagt Alexander. „Ich wollte die Erkenntnis feiern, dass ich mit Torsten ein Leben lang zusammen bleiben kann.“
Acht Jahre nach Einführung der Homo-Ehe hatte dies bereits eine ganz andere Selbstverständlichkeit. Vor deren Einführung wurde um den Gesetzentwurf, auf den sich die damalige rot-grüne Bundesregierung geeinigt hatte, noch heftig gerungen. Nicht nur mit dem politischen Gegner. Auch die Homosexuellen selbst waren zutiefst zerstritten: „Gegenüber der Ehe für Lesben und Schwule war die Community zunächst überwiegend ablehnend, selbst eine Regelung für homo- und heterosexuelle nichteheliche Paare war eher umstritten“, erinnert sich der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Interview auf der nächsten Seite).
Auch Kai Eckstein war damals im positiven Sinne zwiegespalten. „Für mich war das ein Erfolg der Schwulenbewegung, aber kein Imitieren der Ehe ist. Das hätte ich auch nicht gewollt.“, erinnert er sich. „Aber zu sagen: Hier beginnt es, dass ein Stück Diskriminierung abgebaut wird, das war mir wichtig.“
Wie schnell die Normalisierung in den Köpfen stattfand, konnten Alexander und Torsten feststellen. Der Umstand, dass zwei Männer heiraten, war für ihre Familien selbstverständlich, nur bei den Details hakte es noch ein wenig. „Spannend war mein Großvater“, erinnert sich Torsten. „Er sagte: Wenn ihr heiratet – dann muss doch einer einen weißen Anzug tragen. Wer zieht den denn an?“ Beide trugen schwarz, ganz klassisch. Für die Zeremonie suchten sie sich mit einem Ruderclub an der Alster einen schicken Ort, gefeiert wurde in einem Restaurant an der Elbe.
„In meiner Familie wäre dann normalerweise groß getanzt worden, aber das fanden wir beide blöd“, erzählt Alexander. Also gab es ein Festessen und Festreden. „Das war schon ein wenig konservativ, aber wir haben uns nur der Konventionen bedient, die wir auch haben wollten.“ An Hetero-Ritualen wollten sich die beiden nicht abarbeiten – und mussten es auch nicht. „Das ist vielleicht auch der Vorteil, wenn man so etwas Unkonventionelles wie eine schwule Hochzeit feiert“, glaubt Alexander.
„Eine klassische Feier wie bei Heteros hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagt auch Kai Eckstein im Rückblick. Der Verpartnerung konnte er aber bereits vor zehn Jahren viel abgewinnen: „Mir hat das Selbstbewusstsein gegeben, etwa, wenn wir danach Hand in Hand über die Straße gegangen sind. Ich dachte damals: Das ist etwas, das vom Staat anerkannt ist. Ich fühlte mich weniger angreifbar.“
Kais Mann sieht auch kurz vor dem zehnten Hochzeitstag noch einen Grund zu kämpfen: „Ich spüre die Diskriminierung zwar nicht täglich, aber ich weiß, dass sie da ist“, sagt er. „Wir sind noch immer Paare zweiter Klasse. Und das finde ich nicht in Ordnung.“
Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass es bundesweit erst rund 23.000 schwule und lesbische Paare gibt, die den Bund fürs Leben eingegangen sind. Der Ansturm auf die Standesämter, den konservative Kritiker mit Blick auf den besonderen Schutz der Ehe fürchteten, blieb aus. „Wir haben fast keine Freunde, die verpartnert sind“, sagt Torsten. „Das liegt vielleicht auch daran, dass es als spießig gilt, sich zu verpartnern oder zu heiraten. Für die meisten sind Schwule ja Menschen, die rummachen, wo sie nur können. Deswegen ist es im schwulen Kontext schon noch etwas Besonderes, Verbundenheit zu zeigen und ‚ja’ zu sagen.“
Ungewöhnlich sei ihre Hochzeit für die Freunde trotzdem nicht gewesen, ergänzt Alexander. „Die fanden es eher spannend und waren sehr neugierig. Nach meinem Eindruck waren sie eher froh, dass es mal jemand aus ihrem Kreis vormacht. Aber bis jetzt ist uns noch keiner gefolgt.“
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Noch ein Nachtrag zum letzten Absatz: Kaum war der Hinnerk-Artikel draußen, waren wir abends bei zwei heiratswilligen Freunden zu einem "Beratungsgespräch" eingeladen! :-)
Ein sehr schöner Artikel. Viel Glück allen, die den Schritt gehen wollen!
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