
Bruno Balz wurde 1941 wegen Vergehens nach Paragraf 175 von der Geheimen Staatspolizei der Nationalsozialisten verhaftet. Der schwule Textdichter, der viele Lieder für den aufkommenden deutschen Tonfilm schrieb, hatte bereits fünf Jahre zuvor für mehrere Monate im Gefängnis gesessen; anschließend wurde Balz gezwungen, eine Frau zu heiraten. Danach gelangen ihm Erfolge wie „Kann denn Liebe Sünde sein“ oder „Roter Mohn“. Allein, dass Balz der Texter dieser populären Lieder war, erfuhren die Deutschen nicht. Die Nazis hatten verboten, dass sein Name öffentlich genannt werde.
Die zweite Verhaftung 1941 war weitaus ernster: Balz wurde im Gestapo-Keller in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße tagelang gefoltert, nachdem man ihn erneut mit einem Mann erwischt hatte. Ihm drohte die Deportation ins Konzentrationslager. Sein Komponisten-Kollege Michael Jary verwendete sich für Balz bei Propagandaminister Joseph Goebbels. Mit Erfolg: Jary konnte Goebbels davon überzeugen, dass die Mitarbeit des Textdichters an den Liedern des Propagandafilms „Die große Liebe“ unerlässlich sei. Goebbels ließ Balz entlassen - nicht aus Menschlichkeit, sondern damit dieser einen „Beitrag zur Kriegsanstrengung“ leisten konnte.
Unmittelbar nach seiner Freilassung, unter dem Eindruck der Hafterlebnisse und im Wissen, gerade noch einmal mit dem Leben davongekommen zu sein, schrieb Bruno Balz die Texte der Zarah-Leander-Klassiker „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“.
Letzteres erklang am Montagabend im Hamburger Rathaus, interpretiert von Travestiekünstlerin Cristina, die als Zarah Leander unter anderem im „Pulverfass“ große Erfolge feiert. Anlass war der GAL-Empfang zum zehnten Geburtstag der Eingetragenen Lebenspartnerschaft für Lesben und Schwule. Cristina, eine in jeder Hinsicht imposante Erscheinung, singt die Leander-Lieder so, dass man mit geschlossenen Augen meinen könnte, das Original sei wiederauferstanden. Das ist große Kunst. Und doch hatte dieser Auftritt einen schalen Beigeschmack.
Man kann die Lieder von Bruno Balz und Michael Jary, die von den Nationalsozialisten missbraucht wurden, nicht dafür in Haftung nehmen. Und doch bleiben sie die musikalischen Durchhalteparolen während des „totalen Kriegs“. Auch Zarah Leanders Karriere wäre nicht so erfolgreich verlaufen, hätten die Nazis ihr nicht den roten Teppich ausgerollt. Marlene Dietrich war schlau genug, darauf nicht hereinzufallen. Dass die Leander immer noch eine Ikone zumeist älterer Homosexueller ist (nachwachsende Generationen haben ihre eigenen) liegt auch an Personen wie Cristina, die sie auf der Bühne als Illusion weiterleben lassen – zumeist ohne jegliche ironische Brechung oder kritische Distanz.
Ob ein solcher Auftritt ausgerechnet zur Geburtstagsfeier der Homo-Ehe notwendig ist, zumal auf einer Veranstaltung der GAL, darf also gefragt werden. Längst nicht alle anwesenden Gästen im Kaisersaal fühlten sich dabei wohl. „Kann denn Liebe Sünde sein?“, ebenfalls ein von Cristina vorgetragener Schlager aus der Feder von Bruno Balz, mag zu diesem Anlass passen, und dass Festredner Volker Beck als „Vater der Homo-Ehe“ am Ende zu „Tulpen aus Amsterdam“ über den Rathausteppich walzerte, geht auch in Ordnung.
Doch gerade an diesem Tag, der vor zehn Jahren als historisch gefeiert wurde, auch weil die Geschichte der Homosexuellenverfolgung davon nicht zu trennen ist, hätte man sich einer anderen Interpretin bedienen können – oder eine historische Einordnung liefern sollen. Das hätte die feierliche Stimmung nicht gestört, im Gegenteil. Zu thematisieren, unter welchen Umständen Bruno Balz als schwuler Komponist während des Nationalsozialismus arbeiten und gleichzeitig um sein Leben fürchten musste: Dies hätte Cristinas Vortrag deutlich aufgewertet und den Vorwurf schwuler Geschichtsvergessenheit gar nicht erst aufkommen lassen. Sich seiner Geschichte bewusst zu sein, ist Teil schwuler Identitätsbildung – gerade auch an einem Tag wie dem 1. August.
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Stefan, danke für Deinen Kommentar!
Auch ich war erschrocken über diese unkommentierte Huldigung für Zarah Leander. Dass Cristina von Z.L. zu Recht legitimiert worden war, ihre Lieder zu singen, ist die eine Seite der Medaille (und im Pulverfass oder bei einer privaten Party ist dagegen auch nichts einzuwenden), aber auf der repräsentativen CSD-Veranstaltung einer sich als links verstehenden Partei hätte man meiner Ansicht nach sensibeler sein müssen.
Es zeigte sich wieder einmal, wie notwendig es ist, die Geschichte der Homosexuellen ins Bewusstsein der Community zu bringen! Dass Z.L. von Liebe sang und Homosexuelle mochte, ist sicherlich richtig - aber sie war auch Nutznießerin eines Staates, der die unnachsichtige Verfolgung der Homosexuellen auf seine Fahnen geschrieben hatte.
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