
Kurz vor dem Bruch der Koalition von CDU und GAL glaubte sich Grünen-Politiker Farid Müller seinem Ziel ein deutliches Stück näher: 65.000 Euro zusätzlich hatte er im Haushalt durchgesetzt, um seine Idee von einem Jugendzentrum für Schwule endlich realisieren zu können. Dann platzte die Koalition und die SPD übernahm nicht nur die Regierung, sondern auch den von Schwarz-Grün verabschiedeten Doppelhaushalt.
Darin sind die zusätzlichen Mittel zwar weiter enthalten, die Zentrums-Idee ist dennoch vom Tisch. Das Geld ist jetzt unter dem Titel „Förderung der gleichgeschlechtlichen Jugendarbeit“ eingeplant – und das ist wörtlich zu nehmen. Denn längst haben sich das Magnus Hirschfeld Centrum und das Junglesbenzentrum auf eine Zusammenarbeit verständigt, um die LGBT-Jugendarbeit gemeinsam voranzubringen. Nur die Behörde für Justiz und Gleichstellung muss noch zustimmen.
„Das gefällt mir sehr gut“, erklärt Philipp-Sebastian Kühn, seit kurzem Sprecher der SPD-Fraktion für schwul-lesbische Gleichstellung. Ohnehin habe an der Idee eines eigenen Zentrums für schwule Jugendliche nur einer festgehalten: Farid Müller.
Und der schießt gegen die neuen Pläne, die nicht mehr seine sind: „Jeder neue Senat hat das Recht, mit seiner Mehrheit inhaltlich neue Akzente zu setzen“, so Müller. „Die Absage an ein schwules Jugendzentrum ist jedoch eine politische Fehlentscheidung.“
Das sieht Bea Trampenau vom Lesbenverein Intervention anders: „Dieses Konzept spiegelt das Kontinuum fachlicher Einschätzungen der letzten fünf Jahre wieder und ist keine Verabschiedung/Abkehr bisheriger Politik“, schrieb sie an Farid Müller und wurde noch deutlicher: „Ich möchte Dich bitten, den von Dir auf den Weg gebrachten Ausbau der Jugendarbeit nicht durch parteipolitische Schachzüge zu schwächen, sondern die gute Facharbeit lesbisch- schwuler Kooperation zu unterstützen.“
Farid Müller hält dagegen: „Mit dieser Richtungsentscheidung verabschiedet sich die Hamburger SPD von dem Ziel, die schwule Jugendarbeit mit einem Kompetenzzentrum zu stärken.“ Was man auch als Affront gegenüber der MHC-Arbeit verstehen kann: Denn bereits heute wird dort mit insgesamt drei Gruppen für Schwule und Trans*jugendliche sowie dem Schulaufklärungsprojekt „Soorum“ erfolgreich gearbeitet.
Ob diese Kompetenz anderweitig gebündelt werden kann, ist zudem zweifelhaft. SPD-Mann Kühn verweist auf die angespannte Haushaltslage: „Von der Summe, mit der man ein solches Jugendzentrum finanzieren könnte, sind wir weit weg“, betont er. Selbst wenn man zu den 65.000 Euro, die zusätzlich bereitgestellt werden, die 40.000 Euro addiere, die das MHC für die schwule Jugendarbeit bereits erhält, lasse sich damit kein eigenständiges Zentrum finanzieren, wie es in anderen Städten existiert und von Müller gefordert werde.
Ganz abgesehen davon, dass in einem solchen Fall die erfolgreiche Jugendarbeit des MHC eingestellt werden müsste, wenn ein anderer Träger den Zuschlag bekäme. Was angesichts der Summe ebenfalls unrealistisch erscheint. „105.000 Euro finanzieren kein Kompetenzzentrum und schwächen das MHC“, glaubt Bea Trampenau.
Es könne nicht nur darum gehen, neue Stellen zu schaffen, sagt Philipp-Sebastian Kühn und fügt mit Blick auf die im MHC geleistete Jugendarbeit hinzu: „Es macht Sinn, einen Träger, den wir ohnehin schon finanzieren und bei dem auch die Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, zu stärken.“
Er habe es immer schon kritisch gesehen, sich nur auf die Jugendarbeit für Schwule zu fokussieren, denn: „Junge Lesben haben teilweise die gleichen Problemlagen wie junge Schwule“, so Kühn. „Von Gewalt auf den Schulhöfen sind sie genau so betroffen.“
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Interessant finde ich, dass ein Grüner der SPD jetzt vorwirft, ein Jugendzentrum gekippt zu haben, das bislang nicht mal ernsthaft auf dem Papier existiert hat.
Es ist ohne Frage Farids Verdienst, mehr Geld losgeschlagen zu haben – in einem Doppelhaushalt, den die GAL gemeinsam mit der CDU auf den Weg gebracht hat und der bis jetzt noch nicht einmal verabschiedet wurde. Offensichtlich war es aber auch unter Schwarz-Grün nicht möglich oder politisch nicht gewollt, mehr als 65.000 Euro zusätzlich aufzutreiben.
Selbst wenn man dem MHC die Gelder für die Jugendarbeit wegnimmt und das noch dazu addiert, ist damit kein Zentrum solide finanziert. Ganz abgesehen davon, dass mit dem Geld lediglich Personal- und Sachkosten finanziert sind. Wer aber ein eigenständiges Zentrum abseits des MHC will, sollte auch mal vorrechnen, wie er die hierfür notwendigen Räume bauen oder umbauen will. Dass dies nicht passiert (weil auch die Grünen wissen oder zumindest wissen sollten, dass dieses Geld erst recht nicht vorhanden ist), zeigt, wie seriös die ganze Argumentation ist.
Der Schwarze Peter wird jetzt aber trotzdem der bösen SPD zugeschoben, die zwar weder die 65.000 Euro streichen will noch etwas anderes damit vor hat, als damit die Jugendarbeit für Schwule und – wie böse! – Lesben zu stärken. Was anderes als ein parteipolitisches Süppchen wird denn hier gekocht? Politik ist die Kunst des Machbaren. Wenn angesichts der Haushaltslage auch unter Schwarz-Grün nicht mehr machbar war als das, was im Haushalt steht, dann sollten Farid und Co. jetzt nicht beleidigt mit dem Finger auf andere zeigen, nur weil sie nicht mehr mitspielen dürfen.
Das schwule Jugendzentrum ist nun dank alleinregierender SPD vorerst vom Tisch. Der Bedarf an konzentrierter Jugendarbeit besteht aber in einer Metropole wie Hamburg. Da sind die 65.000 Euro freilich gut zu gebrauchen. Ein „queeres“ Jugendzentrum, das Angebote für Lesben, Schwule wie auch für Transgender bietet und auch sozial benachteiligte Menschen und solche mit Migrationshintergrund anspricht, muss gleichwohl weiterhin ein Ziel engagierter Politik sein. Dessen Errichtung muss bei kluger und im Dialog geführter Konzeption nicht eine Schwächung bestehender Angebote zur Folge haben.
Der hier publizierten Darstellung der Dinge muss ich doch stark widersprechen.
Die von Farid genannten Gründe der Notwendigkeit eines Jugendzentrums sind nach wie vor sehr wohl richtig und aktuell. Wer behauptet, die dort praktizierte Erwachsenenberatung unter einem Dach mit der Jugendarbeit birgt keine Probleme oder Risiken, der war noch nicht im MHC...
Ich sehe diese Durchmischung sehr wohl kritisch und plädiere ebenfalls für eine strikte räumliche Trennung von Jugendarbeit und Erwachsenenberatung. Die Jugendarbeit braucht einen geschützten Raum, mit einem Keller im MHC ist es dabei nicht getan...
Dem Vorwurf, es handele sich um ein parteipolitisches Prestige-Projekt von Farid Müller, muss ich ebenfalls widersprechen. Viel eher bezweifle ich die unabhängige politische Bewertung dieses Projekts im Bezirk Nord, wenn ein Mitarbeiter des Trägervereins des MHC sich für die Beibehaltung des jetzigen Status Quo starkmacht. Das ist Politik im Sinne des Trägers und des eigenen Arbeitsplatzes, aber nicht im Sinne einer guten Jugendarbeit!
Ich halte persönlich wenig von einer räumlichen Abgrenzung zwischen den Generationen. Natürlich ist der Beratungsbedarf bei älteren Schwulen/Lesben anders als bei ganz jungen.
Sinnvoller ist es doch aber die Risiken und Probleme die du siehst zu Thematisieren und gemeinsam daran zu arbeiten, und vorzubeugen, anstatt sich abzuschotten!
Übrigens, nicht nur ein Mitarbeiter des Trägervereins UHA setzt sich für die Fortsetzung von erfolgreicher Jugendarbeit ein, zu Glück sind es erheblich mehr Menschen, Politiker und Vereine in Hamburg. Denen geht es darum, das das Geld bei den Jugendlichen ankommt, und nicht in der Anmietung von weiteren Räumlichkeiten verschwindet.
Das klingt eher so, als ob sich Farid Müller da ein Denkmal setzen will!
Wieso sollte man bitte eine gut laufende Jugendarbeit (wie sie z.B. im MHC läuft) "zerschlagen", um mühsam an anderer Stelle ein neues Zentrum aufzubauen?!
Gerade wenn man von den Jugendlichen her argumentiert, sollte man doch mit dem jetzigen „Kompromiss“ einverstanden sein! Und Dirk > Ich halte das nicht für eine politische Fehlentscheidung! Immerhin regiert die SPD derzeit mit einem von schwarz-grün verabschiedeten Haushalt! Ein eigenes Zentrum würde ja wohl gut und gerne 350.000€ oder mehr kosten! Wo soll das bitte herkommen?
Ich halte es für sehr umsichtig, wenn die (auch von Farid) „erkämpften“ zusätzlichen 65.000€ in den Ausbau der bestehenden Jugendarbeit am MHC und Junglesbenzentrum fließen.
Farid hat scheinbar das Gespür dafür verloren, an welcher Stelle man einfach anerkennen muss, dass eine Idee keine Mehrheit mehr hat! (Vielleicht kann Farid sich für eine andere Idee stark machen! Ein schwules Seniorenzentrum oder so!)
In der Metropolregion Hamburg leben ca. 4,29 Mill. Menschen (2008); 30.000 davon sind etwa - konservativ geschätzt - schwullesbische Jugendliche zwischen 15 und 25.
Die Hauptanlaufpunkte für diese große Gruppe sind zurzeit das MHC und das Junglesbenzentrum. Diese beiden Einrichtungen leisten zweifelsohne gute Arbeit. Teils stößt aber zumindest das MHC angesichts der großen Nachfrage an seine Grenzen.
Gut ausgestattete Zentren, die sich auf Jugendarbeit konzentrieren, keine Mischkonzepte fahren und insofern auch Schutzräume für die Jugendlichen sind, könnten Jugendarbeit auf einem anderen Niveau und in einem anderen Umfang leisten. Vorbildlich ist meiner Meinung nach das Anyway in Köln.
www.anyway-koeln.de/home/
Um Standorte zu finden, muss natürlich auch der Dialog mit aktuellen Trägern gesucht werden.
Im Interesse der jungen Schwulen und Lesben der Metropolregion sollte der Hamburger Senat die schwullesbische Jugendarbeit ausbauen. Und dazu gehören meiner Meinung nach auch eigenständige Einrichtungen, die sich auf diese Aufgabe konzentrieren. Städte wie Köln oder Berlin machen es vor. Die Finanzierung ist eine Frage der politischen Prioritätensetzung.
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