
„Mich hat überrascht, dass es eine Frage der Moral sein soll, wenn ich nach 17 Jahren Berufspolitik, davon neun Jahre als Bürgermeister, aufhöre“. Kritik an seinem Abgang weist der scheidende Erste Bürgermeister kategorisch von sich. „ Abschied und Ende gehören im Leben dazu, auch beruflich. Bislang habe ich immer den Vorwurf gehört, dass Politiker zu lange an ihrem Sessel kleben“, sagte von Beust dem Hamburger Abendblatt.
Vor neun Jahren war von Beust ins Amt gekommen. Er brach ein Tabu und koalierte mit dem Rechtspopulisten Ronald Barnabas Schill. „Die Bereitschaft 2001, mit der Schill-Partei zu koalieren, folgte dem Ziel, die SPD-Herrschaft zu beenden“, sagt er heute – und übergeht damit dezent, dass es nach mehreren gescheiterten Anläufen auch seine letzte Chance war, überhaupt ins Amt zu gelangen. „Das war eine machtpolitische Entscheidung“, so von Beust.
Ausgerechnet Schill war es schließlich kurz darauf, der von Beust zu outen drohte, der Bürgermeister kam ihm mit dem Rauswurf zuvor – ein einmaliger Vorgang in der deutschen Politik. Homosexualität als Erpressungsgrund war damit die Grundlage entzogen. „Im Nachhinein war es gut, weil es mich freier gemacht hat“, beurteilt von Beust das damalige Geschehen heute. „Obwohl ich unkompliziert mit meiner Homosexualität umgegangen bin, war ich immer ein bisschen unsicher, ob das in der Politik nicht doch als Makel empfunden wird.“ Am schmerzhaftesten seien damals die Recherchen von Journalisten in seinem Privatleben gewesen. „Zwei, drei Monate fühlte ich mich privat regelrecht belagert.“
Aber es gab auch Zuspruch: „Nach dem Schill-Rauswurf und dem Outing habe ich die nettesten Briefe von älteren Damen bekommen“, erzählte von Beust dem Abendblatt. „Obwohl die sogar teilweise erkennbar sehr konservativ waren, haben sie mir geschrieben, ich solle mich nicht beirren lassen, im Leben zähle nur, wie man sich verhält, nicht, woher man kommt, jeder müsse ungestört sein Privatleben führen können.“
Die Bilanz des Ersten Bürgermeisters fällt an diesem Punkt positiv aus: „Ich glaube, sowohl der Rauswurf von Schill selbst und die extrem positive öffentliche Reaktion darauf als auch die Entscheidung, die Koalition zu beenden, haben mich mutiger gemacht.“
Er sei sich stets treu geblieben, so von Beust: „Was die eigene Haltung angeht, ist mir wichtig: Distanz zu sich selbst, Demut, keine Allüren, nicht größenwahnsinnig werden und den politischen Gegner nicht verunglimpfen. Das sind Punkte, die mir immer wichtig waren.“
Wenn am Mittwoch der Nachfolger gewählt wird, endet die Ära des Politikers von Beust. Endgültig zurücklehnen will er sich aber nicht: „Ich bleibe in Hamburg und werde arbeiten. Ich gehe davon aus, dass ich meine Pension nicht vor 65 in Anspruch nehmen werde.“ Spätestens im November will er eine neue Aufgabe übernehmen. „Auf jeden Fall nichts im staatlichen oder halbstaatlichen Bereich.“
Nachfolger Christoph Ahlhaus, bislang Hamburgs Innensenator, tritt in große Fußstapfen. Von Beust gibt ihm schon mal einen Rat mit auf den Weg, der nicht von ungefähr kommen dürfte, und der am Ende auch etwas über seine Selbstwahrnehmung verrät: „ Man kann Hamburg nicht regieren wie eine Firma, man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wie diese Stadt tickt, wie die Menschen fühlen.“
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