
Mit dem Besuch von Mariela Castro hatte die diesjährige CSD-Parade ihren kleinen Aufreger, der auf hinnerk.de zu einer kontroversen Leserdebatte führte. Auslöser war die Frage, ob die Tochter des kubanischen Staatspräsidenten die Demonstration als Gast von Schirmherr Corny Littmann anführen solle oder nicht.
hinnerk war der Meinung, sie sollte nicht, da sie mit dem kubanischen Sozialismus ein System verteidigt, das keine Presse-, Meinungs- und Demonstrationsfreiheit kennt. Corny Littmann hielt dagegen: Mariela Castro setze sich wie keine andere in Kuba für die Rechte Homosexueller ein. Wir trafen die Direktorin des Nationalen Zentrums für sexuelle Aufklärung (CENESEX) zum Interview.
Mariela, was interessiert Sie an Deutschland?
Deutschland hat eine interessante Geschichte. Mich hat schon immer das wissenschaftliche Denken aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg interessiert: Gerade die deutschen Wissenschaftler haben in der Zeit vor dem Nationalsozialismus einen großen Beitrag für die Sexualwissenschaften geleistet.
Sie haben hier Präventionseinrichtungen besucht und Ärzte getroffen. Was können Sie aus diesen Begegnungen für Ihre Arbeit mitnehmen?
Ich nehme vor allem den Eindruck mit, dass Deutschland über viele Ressourcen verfügt, die wir für unsere Arbeit in Kuba nicht haben. Ich wünschte, wir hätten vergleichbare Budgets wie die Einrichtungen zur Aidsprävention in Deutschland – wir sind daran gewöhnt, mit wenig oder nichts zu arbeiten.
Was können Sie beim Thema Aids dann überhaupt ausrichten?
Wir haben viele Jahre harter Präventionsarbeit hinter uns. Heute ist Kuba in der Region eines der Länder mit der niedrigsten Infektionsrate.
Was sind die größten Schwierigkeiten, denen Homosexuelle in Kuba ausgesetzt sind?
Um Homosexuellen die gleichen Rechte zu gewähren wie Heterosexuellen müsste das Familiengesetzbuch verändert werden. Das ist bisher nicht geschehen. Es kommt vor, dass Schwule und Lesben Nachteile im Beruf haben, dass sie zum Beispiel keine Führungspositionen übernehmen dürfen. Da müssen Schwule und Lesben noch viel kämpfen! So wie die Frauen, die sich für ihre Gleichberechtigung eingesetzt haben.
Homosexualität ist in Kuba nicht verboten. Trotzdem gibt es regelmäßige Polizeirazzien vor allem gegen Schwule.
Wir unterrichten mit unseren Aktivisten zweimal im Jahr die Polizei, damit die Polizisten ihre Vorurteile überwinden und die Gesetze befolgen. Wir machen ihnen deutlich, dass wir Respekt gegenüber Homosexuellen verlangen. Es hat auch schon Maßnahmen gegen Polizisten gegeben, die sich nicht daran gehalten haben.
In Kuba wird seit längerem über die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften diskutiert. Warum liegt der entsprechende Gesetzentwurf wieder auf Eis?
Das tut er nicht! Es wird darüber diskutiert, damit die Menschen sich über das Gesetz informieren und sich eine positive Meinung bilden können. Die Abgeordneten, mit denen wir zusammenarbeiten, haben uns versichert, dass das Gesetz im nächsten Jahr im Parlament diskutiert werden wird.
Warum dauert dies so lange?
Es gibt eine Reihe von Gründen. Kuba befindet sich in einem Veränderungsprozess, vor allem wirtschaftlich. Und diese Themen haben bei uns Priorität. Aber es gibt auch zahlreiche Vorurteile und Menschen, die Fortschritte für Schwule und Lesben verhindern wollen. Der erste Vorschlag, eine gleichgeschlechtliche Ehe und das Adoptionsrecht für Homosexuelle zu schaffen, hat ein Chaos verursacht. Für das Thema Adoption gibt es noch keine gesellschaftliche Akzeptanz, deshalb haben wir es jetzt zurückgestellt.
Steckt vielleicht eine besondere Form von Machismo dahinter?
Fremdenfeindlichkeit und Homophobie haben ihre Grundlagen in Gesellschaften, in denen die Menschen ausgebeutet werden. Solche Gesellschaften erzeugen Neid und Missgunst und sie brauchen Sündenböcke. Die kubanische Kultur hat starke spanische und afrikanische Wurzeln. Beide Kulturen waren sehr patriarchalisch, homophob und fremdenfeindlich. Es braucht viel Zeit, Fortschritte durchzusetzen.
Wieviel Zeit, denken Sie?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass wir ständig daran arbeiten müssen. In den vergangenen 50 Jahren hat sich auf Kuba sehr viel zum Besseren verändert, der Revolutionsprozess hat sehr viele Veränderungen ermöglicht.
Hat ihr Gesellschaftssystem an dieser Stelle nicht eher versagt?
Der Sozialismus hat in Bezug auf die Klassenfrage, in Bezug auf die Rechte der Frauen oder beim Abbau von Rassismus große Fortschritte gebracht. Nur beim Abbau der Diskriminierung von Homosexuellen hat man sich schwer getan. Homophobe Stereotype wurde lange Zeit aufrechterhalten und wissenschaftlich gerechtfertigt, zum Beispiel als psychische Störung.
Woher kommt der Widerstand?
Den größten Widerstand leisten immer noch die Kirchen, vor allem die Katholiken und Baptisten, die Unterschriften gegen Homosexuelle sammeln. Aber wir bekommen auch Briefe von Menschen, die sich für unsere Arbeit bedanken. Wir fordern sie dann auf, ihre Briefe auch an die Regierung zu schicken, damit dort nicht nur Kritik ankommt.
Aber der Widerstand kommt auch aus Ihrer Familie: Ihr Onkel Fidel hat einmal gesagt, einem Homosexuellen fehle die charakterliche Stärke zum Revolutionär!
Meine Mutter hat mit Fidel sehr häufig über dieses Thema gesprochen. Sie konnte aber wenig ausrichten. Sie hat es zumindest geschafft, dass sich seine Meinung ein wenig verändert hat. Das Zitat stammt aus den 60er Jahren. Fidel hat zuletzt gesagt, dass sich die Welt und die Gesellschaft verändern müssen, um diese Vorurteile abzubauen. Damit bin ich sehr einverstanden. Fidel ist sehr optimistisch und hoffnungsfroh, dass die Welt sich in diesem Sinn verändert.
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